2024: Bruckners Affe

„Und immer die Musik in uns drin, die nia weggeht…“
Bruckners Traum und das Unbewusste

Der sterbende Anton Bruckner sieht wie in einem Traum in Bildern und kurzen Szenen markante Punkte seines Lebens vorbeiziehen. Doch dieser Traum unterscheidet sich merkwürdig von der Art, in der Menschen sonst die Visionen ihres Schlafes erleben. Sigmund Freud nannte den Traum die „Via Regia,“ den Königsweg zum Unbewussten. Bei Anton Bruckner scheint es umgekehrt: was er da sieht und erlebt, hat sehr viel mit der nackten, oft grausamen und verletzenden bewussten Realität seines Lebens zu tun: Kränkungen, Zurückweisungen, Verständnislosigkeit. Sein Unbewusstes muss nicht über psychoanalytische Deutung erschlossen werden, es liegt für ihn selbst offen: die Musik, die immer in ihm drin ist, schon als jungem Mann, als Mann in mittleren Jahren und schließlich als altem auf den Tod zugehenden Mann.

Kunst zeigt immer auch das Unbewusste des erschaffenden Menschen– Literatur, darstellende Kunst, Schauspiel. Wir als Publikum sind eingeladen, diesen Königsweg in das Seelenleben der Künstlerin, des Künstlers zu beschreiten, nicht anders als die Träume der Patientin den Psychotherapeuten zu diesem Weg einladen. Kein Wunder, dass Bruckners Musik, also der Ausdruck seines Unbewussten in Wien so wenig verstanden wurde – in der Stadt, in der Freud wenige Jahrzehnte später die Verdrängung entdeckte. Je intensiver, je bewusster Anton Bruckner in seinem eigenen Unbewussten lebte und schuf, umso weniger kam er mit dem, was wir „Realität“ nennen, zurecht. Nur der Affe im Palmenhaus des Stiftes Wilhering konnte ihm Begleiter in diese seine Innenwelt sein. Der alte Bruckner gibt dem mittelalten, der gerade mit seiner ersten Sinfonie ringt, den Rat, zu dem Affen zu gehen, er werde schon sehen. Und so wird der titelgebende Affe des Theaterstücks als Nicht-Mensch zu dem Wesen, dass Bruckners Unbewusstes und die Musik in ihm versteht.
Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind,
Und unser kleines Leben ist von einem Schlaf umringt.“
    (William Shakespeare)

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