2025: Mirandolina
„Zwischen mir und Ihnen ist halt ein Unterschied.“
Der Gegensatz zwischen Rolle und Identität
Mit dieser Aussage des Marchese de Forlipopoli zum Mafiapaten beginnt die Geschichte der Wirtin Mirandolina. Aber ist es so, dass ein fundamentaler Unterschied zwischen den beiden und dem dritten, dem Fabriksbesitzer Rippafratta, besteht? Gewiss, der eine ist ein Adeliger mit rechtspopulistischem Einschlag, der andere ein greiser Gangster, der dritte ein notorischer Frauenhasser. Nur scheinbar nehmen sie ganz verschiedene Rollen im Leben ein, doch nur an der sozialen Oberfläche. Darunter sind sie sich sehr ähnlich: misogyne Machos, die in Frauen Objekte sehen, die sie haben oder nicht haben wollen. Alle drei verbindet eine tiefe Angst vor selbständigen Frauen wie Mirandolina eine ist. Diese Unsicherheit überspielen sie durch markige testosterongetränkte Sprüche und Aggression bis hin zur Gewalt. Sie spielen konstant die immer gleiche Rolle und glauben, dass sie gefestigt in ihrem Menschsein, ihrer Identität sind. Doch Identität als psychologische Größe ist das Gegenteil dieser scheinbaren Unfehlbarkeit: Identität ist das Empfinden innerer Stimmigkeit bei gleichzeitigem Akzeptieren von Unstimmigkeiten.
Völlig anders als die drei tritt Mirandolina auf. Sie spielt ganz verschiedene Rollen, ist einmal die Schüchterne, ein anderes Mal die Fordernde, tut so, als ob sie verliebt und ein anderes Mal, als ob sie schroff und ablehnend wäre. Ihr ist immer bewusst, dass und was sie spielt und bleibt dabei als Einzige authentisch in ihrer Identität mit ihren Stimmigkeiten und Unstimmigkeiten.
Wie sie nehmen wir alle viele verschiedene Rollen in unserem Leben ein. Und dennoch erleben wir uns als der oder die Gleiche, die oder der Selbe. In dieser manchmal widersprüchlichen Vielfalt begreifen wir uns in unserer Identität als Individuen, als Menschen in Beziehungen, als Teil unserer Lebens- und Familiengeschichte und als Teil der Welt und der Menschheit.
„Die ganze Welt ist eine Bühne
und alle Frauen und Männer bloße Spieler.“ (William Shakespeare)
