47. DIE SPRACHE DER GESCHICHTEN: NARRATIVE IN DER PSYCHOTHERAPIE
STILL HAVEN’T FOUND WHAT I’M LOOKING FOR
Theorieabend für die Fachgruppe Psychotherapie der DGTA
Online, April 2026
I have climbed
the highest mountains
I have run through the fields
Only to be with you
Only to be with you
I have run, I have crawled
I have scaled these city walls
These city walls
Only to be with you
I still haven't found
what I'm looking for
Immer noch habe ich das nicht gefunden, was ich suche. Viele Songs erzählen Geschichten von vergeblicher Suche und Nicht-Ankommen –diese Geschichten begegnen uns auch in der Psychotherapie. So ist es auch bei Daniela, die Sie schon auf der Titelfolie dieser Präsentation im Gespräch mit mir gesehen haben.
Menschen erzählen anderen und auch sich selbst Geschichten, seit es Menschen gibt. Die Szene, die ich Ihnen mit diesem Bild mit Hilfe von ChatGPT erzähle, spielt vor vielleicht 20- oder 30.000 Jahren. Der alte Mann bringt die Menschen um das Lagerfeuer dazu, ihm gespannt zuzuhören. Vor allem aber bringt er sie zum Staunen und schafft dadurch Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit. Diese unsere Vorfahren aus der Jungsteinzeit erleben sich als Gruppe, als Familie, als Stamm. Mit diesem Erleben schaffen sie die Basis ihres und unseres Überlebens als homo sapiens, als Gattung Mensch.
In unserer Arbeit als Psychotherapeut:innen und Berater:innen erleben, erfinden, erzählen und verändern wir Geschichten. Die Menschen, mit denen wir arbeiten, erleben, erfinden, erzählen und verändern die ihren. Im Ineinandergreifen dieser narrativen Strukturen ermöglichen wir, dass Empathie, Staunen, Beziehung, Bindung und Zugehörigkeit wachsen können. Davon erzählt meine Geschichte über Narrative in der Psychotherapie. Es ist die Geschichte von Daniela und ihrer Mutter und die unserer therapeutischen Beziehung.
Daniela ist 55 und Lehrerin. Nach mehr als fünf Jahren Pause kommt sie wieder zurück zur Therapie. Damals habe ich sie durch eine schwere Ehekrise bis hin zur Scheidung drei Jahre lang begleitet. Sie beginnt unsere erste Sitzung:
Daniela (D): Ich habe ja geglaubt, dass ich Sie nicht mehr brauchen werde. Ich dachte, ich hätte mich gefunden – und jetzt habe ich Angst, mich wieder zu verlieren.
Still haven’t found what I’m looking for, geht mir durch den Kopf – ein Narrativ, das mir in der Therapie oft begegnet.
“The first few transactions between the therapist and the patient are often highly diagnostic” sagt Eric Berne. Diese ersten Interaktionen erzählen nicht nur vom Skript, sondern auch eine Geschichte über den Bezugsrahmen. Ich lade Daniela ein, mir mehr davon zu erzählen.
Therapeut (Th): Sie berichten, dass Sie sich damals selbst gefunden hatten und jetzt Angst haben, sich wieder zu verlieren. Was genau befürchten Sie denn verlieren?
D: Ich weiß noch, wie ich nach unserer letzten Sitzung damals aus dem Haus heraus auf die Straße getreten bin, die Sonne hat geschienen, es war ein schöner Frühlingstag und ich hab‘ mir gedacht: ich bin eine starke Frau!
Th: Ja, ich erinnere mich gut an die kraftvolle Daniela von damals. Und jetzt? Wenn Sie jetzt, in diesem Moment, wieder aus dem Haus heraus auf die Straße treten würden – was würden Sie jetzt über sich denken?
D: Du Schwächling, würde ich mir denken. Alles war umsonst, du kannst wieder von vorne anfangen.
Th: Das ist interessant, wie Sie die beiden Situationen sprachlich verschieden formulieren. Im ersten Bild sagen Sie: ICH bin eine starke Frau! Und im zweiten wechseln Sie zum Du: DU Schwächling! Du kannst wieder von vorne anfangen.
D: Ja, stimmt. Und?
Th: Im ersten Bild sind Sie es selbst, die das sagt. Die Frau, die sich gefunden hat. Im zweiten klingt es, als ob eine andere Person abwertend zu Ihnen sprechen würde. Meinen Sie das, wenn Sie sagen, Sie könnten sich selbst verlieren?
D: Genau: Dieses ich bin stark von damals – und jetzt du bist ein Schwächling.
Daniela erzählt zwei konträre Narrative über sich selbst. Das erste von der starken Frau hat mit Autonomie zu tun, wenn sie das zweite einsetzt, macht sie sich abhängig von verinnerlichten Botschaften.
Th: Wer ist denn diese andere Person?
D: Können Sie sich das nicht denken?
Th: Damals hätte ich vermutet, es ist ihr Mann.
D: Mein Ex-Mann, schon seit langem. Nein, der ist es nicht. Nicht mehr. Es ist meine Mutter! (Pause) Sie ist vor drei Monaten verstorben.
Th: Das tut mir leid.
D: Mir nicht! Das ist eine Erleichterung! Aber wie sie gegangen ist!
Ich werde neugierig: wie geht die Geschichte weiter? Wie ist ihre Mutter gegangen? Dass Daniela den Tod als Erleichterung erlebt, wundert mich nicht. Sie hat viel von den Kämpfen zwischen Mutter und Tochter erzählt. Erich, Danielas Mann, wurde von Anfang an abgelehnt. Aber jetzt, wo Erich in ihrem Leben keine wesentliche Rolle mehr spielt – worum drehten sich die Konflikte zuletzt?
Th: Wollen Sie davon erzählen?
D: Mein Vater ist bald nach der Scheidung wegen fortschreitender Demenz ins Pflegeheim gekommen, und Mama ist alleine in der Wohnung geblieben. Sie ist mir ständig in den Ohren gelegen, dass ich sie häufiger besuchen und auch die Kinder dazu bringen soll, sich um sie zu kümmern.
Th: Wie alt sind Ihre Kinder jetzt?
D: Florian, wird bald dreißig. Er hat Informatik studiert und lebt mit seiner Freundin in G. Meine Mutter hat ständig gebohrt, wann denn endlich ein Urenkel kommen würde. Die Jüngere, die Clara, ist 26 und Krankenschwester hier am Klinikum. Im Moment ist sie Single. Da hat Mama auch ständig herumgenörgelt: sie ist ja schon genau wie du, hat auch den Mann aus ihrem Leben hinausgeekelt. So hat es auch begonnen, dieser Streit beim letzten Treffen vor ihrem Tod im Café.
Sie hat mir alles mögliche vorgeworfen, dass ich mich nicht für sie interessiere, dass meine Kinder und ich Egomanen sind und uns nur für ihr Geld interessieren. Dass ich ja unbedingt diesen Grünalternativen heiraten musste, der mich ihr entfremdet hat.
Th: Wie haben Sie darauf reagiert?
D: Mich verteidigt, nur um dann dazu hören: du bist undankbar! Wozu habe ich dich gekriegt und großgezogen? Gewickelt, gefüttert, Schulaufgaben gemacht? Deine pubertären Frechheiten ertragen? Dankbarkeit ist ein Fremdwort für dich.
Th: Das klingt sehr verletzend.
D: Ich hab dann, wie immer, gesagt, dass ich das ja nicht ausgesucht habe, dass ich geboren worden bin! Und bin aufgestanden, um zu gehen. Wie schon oft.
Th: Und dann?
D: Dann hat sie die volle Breitseite abgefeuert: Was fällt dir ein? Du bleibst sitzen! Jetzt hörst du mir aber zu: du denkst nur an dich! Kein Dank! Alles, was du bist, verdankst du mir! Du bist nichts ohne mich! (lange Pause)
Th: Was geht gerade in Ihnen vor Daniela?
D: Da bin ich dann wirklich aufgestanden und zornig gegangen. Aber…ich muss einen Moment nachdenken. Das kann doch nicht sein!
Th: Was meinen Sie?
D: Habe ich das jetzt wirklich erzählt? Dass sie gesagt hat: keinen Dank, Du denkst nur an dich! Kein Funken Dankbarkeit! Alles, was du bist, verdankst du mir! Du bist nichts ohne mich!
Th: Ja, das haben Sie.
D: Ja, sie hat das gesagt. Aber damals ist es mir nicht besonders aufgefallen (lange Pause). Ich hab das all die Jahre nicht bemerkt.
Th: Das scheint eine spannende Erkenntnis zu sein, über die Sie da so staunen. Wollen Sie mir die Geschichte erzählen?
D: Ja, natürlich! Auf einmal fügen sich die Teile zusammen. Da war ja diese tiefe Feindschaft zwischen Mama und Erich. Erich hat immer gesagt: du bist wie deine Mama. Genauso unausstehlich. Und jetzt kommt der Punkt. Mama hat genau dasselbe gesagt: du bist genau wie dein Mann, genauso rechthaberisch. Und jetzt habe ich kapiert: das ist die totale Parallele! All das hat Erich genauso zu mir gesagt: du verdienst mich nicht! Du bist nichts ohne mich! (Pause)
Th: Was geht gerade in ihnen vor?
D: Ich bin echt verblüfft (lacht). Das ist unglaublich! Das habe ich noch nie so gesehen! Die zwei sind aus demselben Holz geschnitzt - und haben sich gehasst bis aufs Blut!
Th: Das hört sich an, als ob Sie sehr erstaunt wären.
D: Bin ich, und wie! Was mir da klar wird – mir fehlen die Worte!
Th: Was lässt Sie jetzt so staunen?
D: Die beiden haben doch tatsächlich um mich konkurriert. Beide haben sie Angst gehabt, ich könnte den anderen lieber haben.
Th: So als ob die Liebe zu verschiedenen Menschen sich messen und vergleichen ließe.
D: Ich hab da das gleiche Beziehungsmuster gelebt mit den beiden: du dafst nur mich lieben. Erich war ja sogar eifersüchtig auf die Kinder. Nach der Scheidung hat die Mama wirklich geglaubt, ich ziehe wieder bei ihr ein. (Pause) Als Frau von 50!
Th: Vermutlich sollten Sie sie vor der Einsamkeit schützen nachdem ihr Vater ins Heim gekommen ist.
D: Ich kann das alles nicht verstehen. Oder vielleicht will ich das auch gar nicht. Da werde ich trotzig: du hast mich ja auch nie verstanden. Aber dann… (mit zittriger Stimme) Dann war da ihr Tod und dieser Brief.
Eine Geschichte nach der anderen, viele Narrative, die sich zum Beginn der neuen Therapiephase in Danielas Erleben zu einem Geflecht verbinden: ihre Angst, die starke Frau zu verlieren, als die sie sich erlebt hat; der Streit zwischen Mutter und Tochter im Café und schließlich ein Ausblick auf die Geschichte von Tod und Brief. Doch zuvor möchte ich einem wichtigen Aspekt aus diesem Gewebe folgen: dem nachhaltigen Staunen, das Daniela gerade erlebt.
Staunen – was hat es damit auf sich? Dazu möchte ich ihnen ein kleines persönliches Beispiel erzählen. Ich habe heute diesen Vortrag mit einem Song begonnen, der das Thema illustriert. Das mache ich meistens so, es ist so etwas wie mein Markenzeichen geworden. Das allererste Mal kam mir diese Idee 2012 zu meinem Beitrag für eine Tagung über Narzissmus an einem befreundeten Institut in Hannover. Ich wählte ein altes französisches Chanson – „Et maintenant“ von Gilbert Bécaud. Selbstmitleidig beklagt er darin die tiefe narzisstische Kränkung, verlassen worden zu sein.
Ich spielte das Lied vor - den Ausdruck in den Gesichtern der Menschen sehe ich noch lebhaft vor mir. Offene Münder, offene Augen, Erwartung, großes Interesse, Amüsement, Freude –pures Staunen. Und gleichzeitig eine Atmosphäre der Sympathie, der Warmherzigkeit, der Verbundenheit.
Sie kennen diesen Begriff des Staunens natürlich aus der Alltagssprache, aber ist er Ihnen schon einmal in der psychologischen Forschung und Fachliteratur untergekommen? Mir erst vor einigen Monaten, und die Beschäftigung mit diesem faszinierenden emotional-kognitiven Zustand hat seither mein psychologisches Denken und Handeln und meinen Umgang mit anderen Menschen und mir selbst überraschend bereichert und verändert.
Dacher Keltner, Psychologieprofessor an der University of California, Berkeley, hat maßgeblich dazu beigetragen, Staunen zu erkennen, zu definieren und empirisch zu untersuchen. Er beschreibt es so: Staunen ist das Gefühl, etwas Großem zu begegnen, das das eigene gegenwärtige Verständnis der Welt, die Grenzen unseres Bezugsrahmens, übersteigt. Er definiert das Staunen als eigene fundamentale Emotion.
Michelle Shiota, eine Kollegin Keltners, gab einer Gruppe von Wanderern, im Grand Canyon, folgende Aufgabe: sie standen auf einer Plattform, von der aus sie einen spektakulären Bild über die Schlucht hatten und sollten Zeichnungen von sich selbst anfertigen. Dieselbe Aufgabe stellte sie einer Gruppe von Touristen in San Francisco. Die Menschen auf den Zeichnungen der staunenden ersten Gruppe waren nur ein Drittel so groß wie die der zweiten Gruppe. Staunen scheint zu bewirken, dass Menschen ihr Erleben weniger stark auf sich selbst als separates Individuum beziehen, sondern sich stärker einer Gruppe zugehörig erleben. Staunen macht uns Menschen kooperativer und weniger selbstverliebt und hat damit eine entscheidende Funktion für den sozialen Zusammenhalt.
Seit jeher haben Menschen Wege gefunden, Staunen zu ermöglichen und zu kultivieren: Bauwerke, Heldenepen, Dramen und Romane, bewegende und mitreissende Musik, Gemälde, Skulpturen. Spiritualität, die Wunder der Natur und die von Wissenschaft und Forschung. All das bringt Menschen einander und sich selbst im Staunen näher. Wir verbinden uns miteinander, mit uns selbst, mit dem Leben.
An den Fäden der Geschichten, die Daniela und ich nach und nach aufnehmen und miteinander verweben, werden wir sehen, wohin sie sich bewegt, verändert und weiterentwickelt. Immer wieder werden wir ihrem Staunen begegnen. Es ist ein transformatives Erleben sowohl auf kognitiver als auch auf emotionaler Ebene.
Und es erfüllt bedeutende psychologische Funktionen:
• wir öffnen uns für das Unerwartetes
• wir relativieren unser Ich
• wir richten uns auf Verbundenheit aus
• und erschließen uns neue Perspektiven von Sinn und Bedeutung
Eine Woche später erzählt Daniela vom Tod ihrer Mutter.
D: Sie ist ganz plötzlich gestorben, ein Aneurysma im Gehirn ist geplatzt. Muss innerhalb von Sekunden tot gewesen. Die Reinmachfrau hat sie Gottseidank schon am nächsten Tag gefunden. Ich will aber im Moment nicht darüber erzählen und auch nichts vom Begräbnis und so.
Th: Was ist der Grund dafür?
D: Ich mag mich jetzt noch nicht mit diesen Gefühlen beschäftigen. Ich will zuerst von dem Brief erzählen. Weil das das Schlimmste von allem ist.
Th: Ich verstehe. Gerne, Daniela. Ich höre Ihnen zu.
D: Danke. Also: kurz nach dem Begräbnis hatte ich einen Termin beim Notar. Er hatte einen Brief für mich, auf dem in der Handschrift meiner Mutter stand: meiner Tochter Daniela nach meinem Ableben zu übergeben. Zuerst habe ich geglaubt, dass sie da was Versöhnliches reingeschrieben hat. Aber ganz im Gegenteil. Ich kann Ihnen den Brief nicht zum Lesen geben oder ihn vorlesen, ich habe ihn voller Wut verbrannt. Er beginnt: „Liebe Daniela, ich habe lange überlegt, ob diese Anrede noch für mich stimmt. Aber sie gilt dem süßen kleinen Mädchen, das du einmal warst. Unserem einzigen Kind, das wir über alles geliebt haben.“
Th: Seltsam.
D: Ja. Sei wieder klein und süß, dann habe ich dich wieder lieb. Wie denn, mit 55?
Th: Sei kein eigener Mensch. Sei nicht du selbst.
D: Genau. Das ist die Geschichte meines ganzen Lebens.
Th: Was fühlen Sie, wenn Sie das sagen: die Geschichte meines ganzen Lebens?
D: Unfassbar zornig! Rasend wütend! (äfft die Stimme der Mutter nach) Sei ein braves Mädchen, sonst ist die Mama sehr traurig! Spiel nicht mit den wilden Jungs auf dem Spielplatz, du bist doch ein Mädchen! Schau nicht so zornig, da bist du überhaupt nicht hübsch!
Th: Wie alt ist denn diese Kleine, die so brav sein soll und nicht wild und zornig?
D (lange Pause): Vielleicht fünf.
Th: Und sie ist sehr zornig. Und ist das gut für sie?
D: Gut? Dann schimpft die Mama noch mehr. Und schlimmer. Sie sagt, das macht sie traurig. Später dann: sei lieb und nett zu den anderen Kindern auf dem Schulweg! Wenn die Jungs dich triezen, dann nimm das nicht ernst! Verhauen hätte ich sie sollen, diese dämlichen Typen! Hab ich nicht getan, aber meinen Zorn habe ich mir behalten.
Th: Und es ist wichtig für die kleine Daniela, dass sie an dieser Kraft festhält. Denn so behält sie ihr Ich, ihre Identität. Das ist der Keim, aus dem der Mensch wächst, der 45 Jahre später sagen wird: Ich bin eine starke Frau.
D: Oh! Ja, das stimmt. Das fühlt sich gut an.
Th: Ihre Mutter hat wieder aus ihren alten Geschichten heraus reagiert, und auch bei Ihnen die vertraute Dynamik aktiviert. Es hört sich an, als ob sie sowohl im Café als auch im Brief wieder die gleichen Narrativ erzählt: du musst brav sein, sonst hab ich dich nicht lieb. Sei nicht die, die du bist, sei so, wie ich dich haben möchte.
D: Der Brief endet mit: Wenn du das liest, bin ich nicht mehr in dieser Welt. Aber eines noch: dein Weg ist weit weg von dem ist, das dein Vater und ich uns für dich gewünscht haben. Mögest du wieder zu der zurückfinden, die du einmal warst. Deine Mutter.
Th: Wie geht es Ihnen damit?
D: Zum Kotzen! Von wegen: sie wünscht mir! Sie wünscht sich das selbst, nicht mir!
Th: Stimmt. Sie wünscht Ihnen nicht, Ihren eigenen Weg im Leben zu finden, sondern zu dem braven Kind zu finden, das sie in Ihnen gerne gesehen hätte.
D: Aber da hat sie sich geschnitten! Wo immer du jetzt bist, Mama, und wenn du mich hören kannst: du kannst mich mal! Ich brauche dich nicht und deine sogenannte Liebe schon gar nicht! Dann liebt mich halt keiner, ich schaff das alleine! Du hast mir so viel Lebendigkeit gestohlen! (Pause) Oh Mama, es tut so weh! Warum hast du mich nicht einfach geliebt, wie ich war und wie ich bin? Ich, das einzige Kind, dass du auf dieser Welt gehabt hast! (weint bitterlich)
Th: Ja, das tut sehr weh, Daniela. Geben Sie Ihrem Gefühl Raum und Zeit.
D: Aber ich will nicht, dass es so weh tut! Dass sie mir noch aus dem Grab heraus wehtun kann. Ich will meinen Zorn behalten!
Th: Sie können ja traurig und zornig gleichzeitig sein.
D: Ja?
Th: Weil Sie ihre Mutter geliebt haben, und weil diese Ihre Liebe nicht angekommen ist und nicht erwidert wurde.
D: Oh Mann, sie war wirklich nicht einfach!
Th: Dabei wäre es so einfach gewesen, dieses kraftvolle und wilde kleine Mädchen zu lieben und stolz auf sie zu sein.
D: Oh ja! (weint)
Daniela beginnt, die Geschichte ihres Skripts und der Entscheidungen zu erzählen, die sie getroffen hat: keiner liebt mich, ich brauche niemanden, ich bin stark und schaffe das alleine. Der Motor, der mich dabei antreibt, ist mein Zorn. Er gibt mir Kraft und hilft mir vor allem, nicht spüren zu müssen, wie traurig ich darüber bin, nicht geliebt zu werden. Glaubenssätze, Einschärfungen, Antreiber, Ersatzgefühle – das alles sind Narrative und Stränge ihrer Geschichte. Wir beide, Daniela und ich, haben gemeinsam begonnen, manches darin neu zu erzählen. Daniela verändert ihr Narrativ von „keiner liebt mich und ich brauche niemanden“ zu „ich möchte die sein, die ich bin und sehne mich danach, dafür geliebt zu werden.“
In Danielas Skript erleben wir, wie in jedem Skript Wiederholungen, Zuspitzungen und Weiterentwicklungen, in denen sich ihre Psychodynamik immer wieder neu organisiert. Diese ist gleichzeitig einengend und förderlich: mit dem Ersatzgefühl ihres Zorns gibt sie sich Kraft, richtet sich auf und bleibt handlungsfähig – zugleich verstärkt sie ihre Distanz zu anderen Menschen und erschwert sich die Nähe zu ihnen. Immer wieder erlebt sie Wendepunkte, an denen sie es wagt, Vertrauen, Verbundenheit und Autonomie zuzulassen. Doch wie wir alle greift sie in schwierigen Lebenssituationen auf ihre Skriptglaubenssätze zurück und lenkt die Geschichte in die vertrauten einengenden Bahnen. Dazu aktiviert sie wieder ihr Ersatzgefühl, das damals lebenswichtig war: „Ich will meinen Zorn behalten!“
Doch jetzt erlebt sie die Chance auf Transformation: das Staunen. Sie erkennt, dass ihre Mutter und ihr Ex-Mann, „aus demselben Holz geschnitzt“ sind. Sie beginnt, ihre Lebensgeschichte und die Personen, die darin vorkommen, in einem anderen Licht zu sehen.
Zwei Sitzungen später berichtet sie:
D: Mir geht so viel durch den Kopf. Zuerst habe ich mir gedacht, ich lese Ihnen meine Notizen vor, aber das sind über dreißig Seiten geworden.
Th: Beeindruckend!
D: Das Erstaunlichste ist, dass ich weniger zornig bin. Ich versuche immer wieder, den Zorn wieder zu mobilisieren, aber das geht nur mehr selten.
Th: Aha! Und stattdessen?
D: Nachdenklichkeit und auch Traurigkeit. Mit wiederkehrenden Gedanken: warum konnte sie mich nicht so lieben, wie ich war? Warum wollte sie mich anders haben?
Th: Da klingt nach einer Geschichte, die Sie sich schon seit langer Zeit erzählen.
D: Ja. Dass sie einfach liebesunfähig und nur auf sich selbst bezogen war. Aber Menschen werden doch nicht so geboren. Können Sie sich erinnern, was wir über Erich herausgefunden haben? Wie er als kleiner Junge seinen Vater verloren hat. Und dann auch seine Mutter– an den jähzornigen Stiefvater. Da konnte ich die Geschichte seiner Eifersucht und seiner Kontrollsucht besser verstehen. Seine Verlustangst. Das hat unsere Ehe nicht mehr gerettet, dazu war schon zu viel zwischen uns kaputt gegangen. Aber es hat die Trennung erleichtert. (Pause)
Th: Natürlich erinnere ich mich daran.
D: Wenn Mama Erich so ähnlich war, könnte dann nicht auch hinter ihrer Eifersucht und Kontrolle Verlustangst stecken?
Th: Da könnte was dran sein.
D: Ich glaube, ich muss das auch bei meiner Mutter verstehen, damit ich wieder zu mir finde. Wieder zur starken Frau werden kann.
Th: Sie müssen?
D: Na ja, schon.
Th: „Müssen“ ist ja ein Wort, dass für die meisten eher negativ besetzt ist.
D: Ja, ich muss endlich die Weihnachtsgeschenke besorgen, ich muss meinen Vater wieder im Heim besuchen…
Th: Genau.
D: Ja, das hilft mir weiter. Ich muss meine Mama nicht verstehen, aber ich will es. Weil es mir helfen würde, meinen Frieden mit ihr zu machen. .
Th: Dann lassen Sie uns doch schauen, ob wir die Geschichte Ihrer Mutter entdecken können.
D: Aber wie soll das gehen? Sie ist ja tot. Und mein Vater ist dement im Heim. Wie sollen wir da die Wahrheit herausfinden?
Th: Vielleicht entdecken wir eine Geschichte, die Ihnen helfen kann.
D: Wie das?
Th: Ich möchte gerne mit Ihrer Mutter, Ihrer verinnerlichten Mutter, ein Gespräch führen. Dafür brauchen wir etwas Zeit, daher schlage ich vor, dass wir uns für die nächste Sitzung eine Doppelstunde Zeit nehmen.
D: Das klingt voll spannend!
Erinnern wir uns, wie Staunen wirken kann: wir öffnen uns für das Unerwartete, wir relativieren unser Ich und wollen Verbindung zu anderen Menschen aufnehmen und wir sind bereit, unseren Bezugsrahmen zu erweitern. Daniela möchte ihre Mutter jenseits ihres Zorns verstehen, um sich innerlich von ihr lösen zu können. Sie ist offen für die Möglichkeit, die Geschichte ihrer Beziehung zu ihrer Mutter in ein neues Narrativ zu überführen. Das von mir vorgeschlagene Gespräch mit ihrem Eltern-Ichzustand bietet dafür eine therapeutisch wirksame und transformierende Möglichkeit. In aller Regel bringt es Menschen zum Staunen.
FOLIE 18 Arbeit mit dem Introjekt
Die therapeutische Arbeit mit dem Introjekt im Eltern-Ichzustand stammt ursprünglich aus der Neuentscheidungs-Schule von Bob und Mary Goulding und beruht auf den Erkenntnissen von John McNeel und Sharon Dashiell. Ausführlich gelernt habe ich sie Ende der 80er/ Anfang der 90er Jahre bei Richard Erskine. Anders als in der klassischen TA versteht er den Eltern-Ichzustand nicht als eine Sammlung von Geboten und Verboten, sondern als verinnerlichte Beziehungserfahrungen. Der Fokus der therapeutischen Arbeit liegt nicht auf Analyse, Befragung und Konfrontation, sondern auf Beziehungsarbeit und Integration. Es geht für die Patientin, den Klienten darum, zu verstehen, wie dieser Ich-Anteil entstanden ist und welche Funktion er psychodynamisch erfüllt.
Wenn wir in der Transaktionsanalyse den Begriff Introjekt verwenden, beziehen wir uns auf Inhalte von Eltern-Ichzuständen. Gemeint sind damit internalisierte Bezugspersonen, wie sie im Strukturmodell 2. Ordnung im EL2 abgebildet sind. Dort sind diese mit ihren jeweiligen Ichzuständen so repräsentiert, wie sie vom Kind erlebt wurden. In Danielas Kindheit gehörten dazu neben ihrer Mutter ihr Vater, die im Haushalt lebende Großmutter mütterlicherseits sowie eine ältere liebevolle Nachbarin.
11. Sitzung
Th: Passt es für Sie, das Gespräch mit Ihrer verinnerlichten Mutter zu beginnen?
D: Klar. Ich bin schon ziemlich aufgeregt.
Th: Wie heißt Ihre Mutter?
D: Helene. Hat sie geheißen.
Th: Nun, die Mutter in Ihrem Inneren lebt ja weiter. Wechseln Sie bitte auf den anderen Stuhl. Schließen Sie für einen Moment die Augen und sehen Sie Helene vor sich, ihr Gesicht, ihre Gestalt, ihre Kleidung. Nehmen Sie sich Zeit dafür, Helene zu sein. (Pause) Lassen Sie mich wissen, wenn Sie als Helene da sind und öffnen Sie dann die Augen.
D (ab jetzt als H): Ja.
Th: Guten Tag, Helene.
H: Guten Tag.
Th: Wie Sie wissen, bin ich der Therapeut Ihrer Tochter Daniela.
H: Ja, weiß ich. Sie hat bestimmt nichts Gutes über mich erzählt.
Th: Ich würde gerne etwas über Sie erfahren. Sind Sie einverstanden, mir Ihre Geschichte zu erzählen?
H: Geschichte! Das klingt vielleicht romantisch! Erwarten Sie sich da mal nicht zu viel.
Th: Was sind sie für ein Geburtsjahrgang, Helene?
H: 42. Mitten im Krieg hat meine Mutter mich gekriegt. Auf Fronturlaub hat mein Vater mich gezeugt. Dann musste er zurück nach Stalingrad.
Th: Das muss hart für Ihre Mutter gewesen sein.
H: Wissen Sie was? Ich glaube, das Härteste für sie war, dass sie dem Führer keinen deutschen Soldaten schenken konnte. Nur ein Mädchen.
Th: Nur ein Mädchen?
H: Ja, damit bin ich aufgewachsen: du bist ja nur ein Mädchen.
Th: Wie fühlt sich das an für ein kleines Kind – nur ein Mädchen?
H: Ich weiß schon, Sie sind ein Therapeut, und Sie kommen immer mit den Gefühlen um die Ecke. Aber ich sage Ihnen, mit Gefühlen wären wir damals nicht weit gekommen.
Th: O ja, das kann ich mir vorstellen.
H: Sie können sich das vorstellen? Sie müssen doch einige Zeit nach Kriegsende geboren sein!
Th: Ja, bin ich. Aber meine Eltern und vor allem Großeltern haben mir davon erzählt. Vom Krieg, von den Bomben, vom Hunger und den Zerstörungen.
H: Na ja, dann muss ich Ihnen ja nichts erklären. Aber vielleicht kann ich Ihre Frage beantworten, wie das für ein kleines Mädchen ist, wenn sie ein Junge hätte werden sollen. Überflüssig kommt man sich vor. Und man wünscht sich, der Vater würde endlich aus dem Krieg kommen, der würde einen vielleicht doch liebhaben.
Th: Das klingt traurig.
H: Ja. (lange Pause)
Th: Wo sind Sie gerade, Helene – in Ihren Gefühlen und Ihren Gedanken?
H: Weit, weit weg. Vor sehr langer Zeit. In den Trümmerhaufen, die der Krieg hinterlassen hat. Mit den Jungs, die da spielen und graben. Und die mit mir nichts zu tun haben wollen, weil ich ja nur ein Mädchen bin. Und ich hab nur meine Puppe.
Th: Wie alt ist diese kleine Helene mit ihrer Puppe?
H: Leni haben sie mich genannt. Drei oder vier. Und ich halte meine Puppe ganz fest, die heißt Greti. Ich hab sie ganz lieb.
Th: Wie gut, dass die kleine Leni die noch kleinere Greti hat.
H: Ja, die geb ich nie mehr her.
zoom
Daniela und ich haben vereinbart, dass sie jederzeit auf den anderen Stuhl wechseln kann, wenn sie wieder als sie selbst sprechen will. Das tut sie jetzt. Sie wechselt aus dem Eltern-Ichzustand. Kein Wunder, ihr inneres Kind hat ja eine spannende Geschichte gehört und braucht Platz für sein Staunen.
D: Unglaublich! Woher weiß ich das alles? Ich kann mich nicht erinnern, dass Mama mir irgendwas davon erzählt hat. Reime ich mir das nur zusammen? Habe ich es in meinem Unbewussten gespeichert?
Th: Vielleicht. Und vielleicht haben Sie Dinge mitangehört oder nonverbale Botschaften aufgenommen. Das, was ich Helene vorher erzählt habe über die Informationen, die ich als Nachkriegskind von meinen Eltern und Großeltern erhalten habe: da sind ganz sicher auch Geschichten dabei, die ich mir selbst zusammengesetzt habe. Was davon wirklich passiert ist, weiß ich nicht. Und das macht nichts. Es hilft mir, diese Menschen vor mir besser zu verstehen und damit auch mich besser zu verstehen.
D: Da fällt mir etwas ein. Da gab es eine sehr alte Frau in der Nachbarschaft, die Frau Steiner.
Die muss in meiner Kindheit schon an die 90 gewesen sein. Die hat mir mehr von der Zeit damals erzählt als meine Mama. Das war immer total spannend, wie Märchen. Dass mir das erst jetzt einfällt! Ich hab ja ewig nicht mehr an sie gedacht – Tante Marie hab ich sie genannt Sie war auch oft im Park, wenn ich mit der Mama dort am Spielplatz war. Und sie – ja, jetzt fällt es mir ein! Tante Marie hat mir von Mama und ihrer Puppe erzählt.
Th: Was hat Tante Marie Ihnen denn erzählt?
D: Ich glaube, mir war das gar nicht klar, dass dieses Kind, von dem sie immer erzählt hat, dass das meine Mama war. Mir hat dieses Kind immer total leid getan, da in den Trümmern mit der Puppe. (lange Pause) So einsam! Kein Papa, doofe Jungs, nur eine Puppe. Tante Marie hat immer erzählt, dass die Leni immer gesagt hat: die geb ich niemals her, meine Greti!
Th: Die geb ich niemals her.
D: Ach du meine Güte! Und wenn später ich ihre kleine Greti war? Die geb ich niemals her!
Th: Das kann gut sein. Was fühlen Sie bei diesem Gedanken?
D (schüttelt den Kopf): Ich bin…ich bin sprachlos. Das ist, als ob eine Rechnung, eine Gleichung mit Unbekannten, an der man ewig herumgetüftelt hat, sich plötzlich ganz von selbst löst. Das macht total Sinn! Dass ich darauf nie gekommen bin!
Th: Ich habe gerade eine Idee für eine neue Geschichte. Wollen Sie sie hören?
D: Eine neue Geschichte? Unbedingt!
Th: Ich habe mir gerade vorgestellt, dass diese beiden Mädchen, die kleine Daniela…
D: Dani.
Th: Dass die kleine Dani und die kleine Leni sich begegnen. Die eine kommt aus ihrer Trümmerstraße mit ihrer Puppe, und die andere aus dem Park mit dem Spielplatz. Gerade ist noch die Tante Marie neben Dani auf der Bank gesessen, und auf einmal ist es Leni.
D: Oh ja! Da geht der Dani das Herz auf, und sie nimmt die Leni bei der Hand. Die schaut ganz erstaunt und sagt: wer bist denn du? Und wo kommst du denn her? Ich bin die Dani, sagt das andere Mädchen. Du hast aber eine schöne Puppe! Ja, die heißt Greti, und ich habe sie sehr lieb. Oh, das kann ich gut verstehen, sagt Dani, ich habe einen Teddybären, den habe ich auch sehr lieb. Wollen wir Freundinnen sein? Oh ja, sagt Leni, beste Freundinnen. Beste Freundinnen, sagt Dani! Beste Freundinnen für immer und ewig! (sie beginnt zu weinen) Oh Mama! Das hätten wir beide gebraucht als kleine Mädchen – eine beste Freundin.
Wieder erleben wir den beeindruckenden Effekt des Staunens: Daniela öffnet sich für das Unerwartete, fühlt verbindendes Mitgefühl für das kleine Mädchen, das ihre Mutter einmal war, und erzählt eine neue Geschichte: Wir hätten beide eine beste Freundin gebraucht. Diese Transformation können wir strukturanalytisch in ihren Ichzuständen nachvollziehen: Ein Introjekt in ihrem Eltern-Ichzustand (EL2) – das von Tante Marie – unterstützt ihr inneres Kind (K2) dabei, die verinnerlichte Mutter besser zu verstehen. Präziser formuliert: Der Kind-Ichzustand (K2) nimmt Kontakt auf mit dem Kind-Ichzustand des Mutter-Introjekts (K3). So kann Integration geschehen: Kind- und Eltern-Ichzustände treten in inneren Kontakt und Dialog. Das Gesamt-Selbst kann wieder zusammenwachsen.
Th: Daniela, wollen wir Helene wieder zu Wort kommen lassen?
D: Gerne. (wechselt den Stuhl)
Th: Hallo zurück, Helene.
D (ab jetzt als H): Hallo.
Th: Sie haben ja miterlebt, welchen inneren Prozess Daniela gerade durchlaufen und gestaltet hat.
H: Und wie!
Th: Wie war denn das für Sie?
H: So berührend. Nicht nur Daniela, auch was Tante Marie da von mir erzählt hat. Wie sie mich als kleines Mädchen gesehen und verstanden hat. Wie schön sie das meiner Daniela vermittelt hat.
Th: Ihrer Daniela.
H: Als sie damals gekommen ist, wollte ich sie eigentlich Margarethe nennen. Und sie Greti rufen. Aber mein Mann wollte das nicht.
Th: Ich denke, so ist deutlicher geworden, dass sie ein eigener Mensch ist und nicht noch einmal eine kleine Greti wie Ihre Puppe.
H: Stimmt. Vielleicht habe ich das manchmal zu wenig gesehen, dass sie die kleine Dani war und nicht die kleine Greti. Das tut mir leid. Sehr leid. (beginnt zu weinen) Das war so schön mit den besten Freundinnen. Ich hätte so gern eine Freundin gehabt damals. Und…kann ich mit Daniela reden? Mit der erwachsenen?
Th: Daniela, wollen Sie antworten?
D (wechselt den Stuhl): Ja, Mama. Es gibt viel zu reden zwischen uns. Es hätte viel zu reden gegeben. Ich hätte mir immer gewünscht, dass wir Freundinnen gewesen wären als erwachsene Frauen. Und ich habe immer geglaubt, dass du das nicht willst. Dass du mich gar nicht magst (wechselt).
H: Ich habe dasselbe von dir geglaubt. Weil du schon als Kind so oft etwas anderes wolltest als ich. Das war ja nicht nur am Spielplatz so. Und vielleicht habe ich dich ja wirklich mit meiner Puppe von damals verwechselt und mir gedacht: ich geb dich niemals her, meine Dani! Und in meinem Abschiedsbrief habe ich dir das noch einmal vorgehalten, dass du deinen eigenen Weg gehen wolltest. (wechselt)
D: Manchmal bist du ja nicht so danebengelegen, mit Erich zum Beispiel (lacht). Aber je mehr du gegen ihn warst, umso mehr habe ich mich mit ihm verbunden gefühlt. (wechselt)
H: Ich bin so viel allein gewesen in meinem Leben. Und ganz besonders, seit dein Vater nicht mehr er selber ist. (wechselt)
D: Ich bin auch viel allein gewesen, Mama. ich glaube, jede von uns wollte, dass die Andere sie von der Einsamkeit erlöst. Nur mit einem Unterschied: du warst die Mutter, und ich das Kind. Ich war nicht für deine Einsamkeit zuständig, sondern du für meine. (lange Pause)
Th: Daniela?
D: Sie will nicht antworten. Können Sie mit ihr reden?
Th: Klar. Wechseln Sie bitte hinüber.
Wir sind an einem heiklen Punkt angelangt. Daniela ist nahe daran, ihr altes Narrativ wieder zu beleben: sie hat mich nie geliebt und wollte mich nur benutzen.
Th: Helene, was geht gerade in Ihnen vor?
H: Einen kurzen Moment habe ich geglaubt, sie versteht mich. Jetzt ist sie wieder das kratzbürstige Kind.
Th: Und wer sind Sie?
H: Die Mutter, die keiner versteht.
Th: Ist das so?
H: Na ja -wer denn sonst?
Th: Die kleine Leni, die keiner versteht. Mit ihrer Puppe im Bombenschutt?
H: Vielleicht. (Pause) Oder eine Helene, die schon ein paar Jahre älter ist.
Th: Gehen Sie dort hin, Helene. Ich komme mit Ihnen.
H: Das ist dieselbe Straße, in der wir wohnen. Aber der Schutt ist weggeräumt, der Wiederaufbau hat begonnen. Alle tun so, als ob nie etwas gewesen wäre. Als ob nicht viele, viele Menschen nicht mehr da wären.
Th: Wie alt ist denn diese Helene, die nicht vergessen hat, was gewesen ist?
H: Vielleicht zehn. Und eines Tages ist jemand die Straße herunter gekommen…
Th: Bleiben Sie dort, Helene, im Jahr 1952. Seien Sie die Zehnjährige. Darf ich dich duzen, junge Helene?
H: Klar. Gerne. Ja. Der Mann. Er kommt da herunter, ein magerer Mann, der ganz finster dreinblickt. Er geht mit zwei Krücken. Er kommt auf mich zu. Ich habe Angst. Er fragt mich, wie ich heiße. Helene. Und wie noch? Ich sage es ihm. Aha. Dann bist du wohl meine Tochter.
Th: Wie ist das für dich in diesem Moment, Helene?
H: Das kann nicht wahr sein. Der doch nicht! Auf den Fotos in Uniform sieht der doch ganz anders aus! Von diesem lächelnden Mann, von meinem Papa, habe ich doch immer geträumt! Dass der mich lieb haben wird. Aber der… der soll wieder weggehen! Der hat mich auch nicht lieb.
Th: Ja, das kann ich gut verstehen. Weißt du, Helene, der Krieg hat ja noch Jahre, nachdem er vorbei war, die Menschen weiter und weiter kaputt gemacht: Hoffnungen, Träume, Lebensglück sind zerstört worden. Ich bin ja einige Jahre jünger als du, aber ich habe viele solche Männer wie deinen Vater kennengelernt, als Lehrer, Onkel, Nachbarn.
H: Darf ich auch du sagen? Als Zehnjährige?
Th: Klar!
H: Warum bist du nicht ein paar Jahre früher geboren und hast in meiner Straße gewohnt? Du hättest mir so viel erklären können und alles wäre leichter gewesen.
Th: Ja, das wäre schön gewesen. Lass uns für ein paar Momente dort hingehen und diese zwei Kinder von vielleicht zehn Jahren sein. Die Leni und der Klaus. Was möchtest du denn gerne, dass ich dir erkläre?
H: Warum der Krieg immer noch so viel kaputt macht. Die Häuser und die Straßen sind doch auch wieder aufgebaut.
Th: Ja, die Dinge kann man wieder aufbauen. Das geht ziemlich rasch. Aber was in den Herzen und Seelen der Menschen kaputt gegangen ist, das aufzubauen dauert viel, viel länger. Und bei manchen, wie bei deinem Papa und deiner Mama, geht es vielleicht gar nicht. Oder nur so, dass es irgendwie wieder hält. Weil sie auch niemanden haben, der ihnen dabei helfen könnte.
H: Aber für uns Kinder ist das so schwierig!
Th: Ja, das ist es. Aber wir können ja Freunde und Freundinnen sein. Und bei dir gibt es doch auch diese Nachbarin, die Tante Marie.
H: O ja, genau! Die ist nicht so kaputt. Die hört mir zu und hat Zeit, die Tante Marie. (Pause)
Th: Ist es OK, wenn wir beide wieder die Erwachsenen werden, die wir sind?
H: Ja. Das war sehr schön…Jetzt hat die kleine Leni eine Freundin und das Schulmädchen Helene einen Freund. Und die Tante Marie. Das wird ihr sehr für die Jahre helfen, die vor ihr liegen.
Th: Und was bedeutet das für die Mutter, die diese Helene eines Tages sein wird?
H: Dass sie nicht mehr – dass ich nicht mehr versuchen muss, dieses Kind zu meiner Freundin zu machen. Sie soll einfach meine Tochter sein. (ihre Stimme zittert) Meine Daniela. Mein kleines Baby. Und mein hübsches rothaariges zorniges Kindergartenkind. Mein kluges Schulkind, meine Leseratte. (weint) Ich hab sie so lieb!
Th: Ja, das kann ich spüren, wie sehr sie sie lieb haben. Wollen Sie es ihr auch sagen, nicht nur mir?
H: Ja! Ich hab dich lieb, meine Dani. Alle diese vielen Danis, vom Baby bis zu der 55jährigen Daniela von heute. (wechselt)
D (zum Th): Das berührt mich so sehr.
Th: Sagen Sie es Ihrer Mutter. Ein paar Minuten lang ist sie noch da.
D: Mama, das berührt mich so. Ich hab dich auch lieb, ich hab dich immer lieb gehabt, und ich war so verletzt. Es tut mir leid, dass ich dir das nicht mehr gesagt habe, ich habe mir doch nicht gedacht, dass ich dich nie mehr sehen werde (weint). Ach Mama, und jetzt ist es zu spät. Du warst einfach der Mensch, der du warst, mit deiner schwierigen Geschichte.
Th: Es ist Zeit für den Abschied, Daniela.
D: Ich weiß. Mama, wo immer du bist und wenn du mich hören kannst: Lebwohl, meine Mama. Adieu. (sie winkt)
Th: Adieu, Helene. Es war schön, Sie kennenzulernen. (Pause)
D: Puh, das war anstrengend. Bewegend und anstrengend. Und ich habe mich dieser Frau sehr nahe gefühlt. Vor allem dem Mädchen, das sie einmal war.
Th: Dieses Mädchen war ja dem Mädchen nicht so unähnlich, das Sie einmal waren.
D: Ja, das habe ich mir auch gedacht.
Th: Und wenn Sie das denken, was fühlen Sie dann?
D: Ich bin wieder einmal erstaunt. Und offen fühle ich mich. Offen dafür, meine Mutter gehen zu lassen.
Th: Erstaunt worüber?
D. Dass ich auf einmal eine Menge von meiner Mutter verstehen kann. Sogar diesen Abschiedsbrief. Jetzt würde ich ihn gerne noch einmal lesen, mit diesem veränderten Blick, den ich jetzt habe.
Th: Wie sehen Sie ihn jetzt, diesen Brief?
D: Ich merke darin viel Enttäuschung über ein Leben mit viel Einsamkeit und wenig Liebe. Mein Zorn und mein Trotz waren immer eine Reaktion auf mein Narrativ: ich bin schuld daran. Dafür verantwortlich, dass sie so einsam ist.
Th: Eine intensive Sitzung haben wir hinter uns. Ich bin gespannt, wie sie in Ihnen nachwirken wird.
D: Ich auch! Vielleicht gibt’s wieder was zum Staunen für mich!
Th: Kann gut sein. Wir sehen uns in zwei Wochen.
Daniela ist dabei, ihre Geschichten neu zu schreiben und umzudeuten. Doch unsere Geschichten beginnen ja nicht erst mit unserer Geburt, sondern sind eingebettet in ein Geflecht aus Erfahrungen, Mustern und Bedeutungen, die weit in frühere Zeiten zurückreichen. Über Generationen hinweg werden Ressourcen ebenso wie Belastungen in zwischenmenschlichen Beziehungen – insbesondere zwischen Eltern und Kindern – weitergegeben. Diese Erfahrungen verinnerlichen wir als Introjekte im Eltern-Ichzustand, die in Wechselwirkung mit unserem Kind-Ichzustand treten. Darin liegt die Grundlage für die Entwicklung unseres Skripts. Dabei übernehmen wir nicht nur einzelne Haltungen oder Botschaften, sondern ganze Beziehungsdynamiken: die Skripts unserer Eltern und zentralen Bezugspersonen werden mitsamt deren eigenen Eltern- und Kind-Ichzuständen internalisiert. Wie in einerm vielfältigen Gewebe sind diese Introjekte ineinander verflochten und tragen jeweils ihre eigene innere Bewegung in sich. Unsere gegenwärtige Selbst- und Beziehungsgestaltung, die wir in unseren Geschichten zum Ausdruck bringen, ist immer auch Ergebnis einer vielschichtigen, über Generationen wirkenden inneren Struktur mit ihren erzählten und verheimlichten Geschichten.
Daniela hat eine schöne Metapher für dieses Netzwerk gefunden:
D: Mir ist klar geworden, dass es ja nicht nur um meine Geschichten geht, die ich da entwickle und erzähle. Das sind Fäden, die ich da webe. Sie gehen zurück zu meinen Eltern, meiner Großmutter und auch Tante Marie. Auch die Fäden dieser Menschen webe ich ein, so, wie die wieder die Fäden ihrer Vorfahren eingewoben haben, und die wieder die der Menschen vor ihnen. Was da entsteht, ist ein unendlich großer Geschichten-Teppich, der viele Generationen zurückgeht. Und auch nach vorne: ich webe an den Geschichten meiner Kinder und vielleicht auch an denen meiner künftigen Enkelkinder.
Th: Das ist ein großartiges Bild.
D: Und wieder bin ich am Staunen: in diesem Bild bin ich eingewoben in den riesigen Teppich der ganzen Menschheit. Das fühlt sich unglaublich an.
Th: Was ist das Unglaubliche, das Sie da fühlen?
D: Dass ich Teil der Menschheit bin. Warm. Ganz intensiv. Freude fühle ich da, ich fühle mich ganz. Vollständig.
Daniela beschäftigt sich ausführlich mit ihrem Geschichten-Teppich. In einer der nächsten Stunden bringt sie ein Album mit, das sie angelegt hat.
D: Da habe ich alle alten Fotos gesammelt, die ich finden konnte. Nicht nur von meiner Kindheit, sondern auch weit zurück in die Familiengeschichte. Eine entfernte Cousine hat auf ihrem Dachboden nicht nur alte vergilbte Fotos von unserer Urgroßmutter aus den 1880er-Jahren aufbewahrt. Da finden sich auch Kochrezepte in Sütterlin-Schrift, die von Müttern an ihre Töchter und Schwiegertöchter weitergeben wurden. Außerdem habe ich begonnen, einen Stammbaum zu erstellen. Am liebsten würde ich eine Familiengeschichte recherchieren und schreiben. Vielleicht mache ich das ja, wenn ich in der Pension bin!
Daniela vertieft sich nicht nur in die Vergangenheit ihrer Familiengeschichten, sondern beschäftigt sich auch mit der Gegenwart. Eines Sommertages kommt sie aufgeregt in die Praxis.
D: Der Teppich wird weitergeknüpft! Stellen Sie sich vor, ich werde Oma! Mein Florian wird Vater! Ein kleines Mädchen ist unterwegs!
Th: Herzlichen Glückwunsch! Das ist ja eine wunderbare Neuigkeit!
D: Ich habe mich mit meinen Kindern getroffen, weil ich meine Geschichten über mich, ihre Großmutter und ihren kriegsversehrten Urgroßvater an sie weitergeben will. Ich habe gesagt, heute möchte ich euch einige alten Familiengeschichten erzählen. Da hat der Flo gegrinst und gemeint: lass mich zuerst eine neue Familiengeschichte erzählen und mir das Ultraschallbild gezeigt. Ich war vollkommen sprachlos!
Th: Das hört sich sehr schön an – und wieder haben Sie etwas zum Staunen, und wieder verbindet sie das mit anderen Menschen. Und wie haben die beiden auf die Geschichten reagiert, die sie ihnen erzählt haben?
D: Das war sehr spannend. Clara hat gemeint, sie hat nie verstanden, warum ihre Oma und ich so übers Kreuz waren. Für sie war das immer eine liebe Frau, von der sie sich sehr geliebt gefühlt hat. Interessant, wie zwei Menschen ein und dieselbe Person so unterschiedlich sehen können, war ihre Aussage. Der Florian hat das ähnlich gesehen, und beide waren sich einig, dass sie mich jetzt besser verstehen können. Mama, du hast wohl das Kriegstrauma von der Oma voll draufgekriegt, hat die Clara gesagt. (Pause) Das hat mich sehr betroffen gemacht. Ich habe an die Kriege gedacht, die jetzt überall auf der Welt stattfinden, und wie das die Menschen dort über Generationen traumatisiert.
Th: Ja, das beschäftigt mich auch sehr.
D: In meinem großen Teppich über viele Generationen hinweg – wie viele dunkle traumatisierende Flecken gibt es da wohl? Kriege, Unfälle, Todesfälle? Fehlgeburten, Abtreibungen, ungewollte Schwangerschaften?
Th: Ganz sicher gibt es die. Und auch Glück, Freude, Liebe und Staunen. Menschen sind ja sehr resiliente Lebewesen, sonst gäbe es uns als Gattung schon langst nicht mehr.
D: Das ist ein ermutigender Gedanke.
Die Geschichte unserer Psychotherapie neigt sich ihrem Ende zu. Wir vereinbaren, noch zwei Sitzungen abzuhalten, einen Faden ihrer Geschichten will Daniela noch vor unserem Abschlusstermin erzählen. Sie beginnt:
D: Clara hat mich bei unserem Familientreffen mit etwas konfrontiert, was mir bisher gar nicht bewusst war. Was ist mit dem Opa? hat sie gefragt. Der kommt in all deinen Geschichten gar nicht vor. Und das stimmt! Auch in den Gesprächen mit Helene hat mein Vater fast keine Rolle gespielt. Ich habe so wenig Erinnerungen an ihn, er war so wenig präsent. Und habe mir gedacht, jetzt, wo er dement ist, kann ich da auch nichts mehr nachholen. Aber nach Claras Bemerkungen ist mir klar geworden, dass es da in meinem Teppich noch große weiße Flecken gibt. Beim Nachforschen habe ich dann dieses Bild entdeckt.
Daniela zeigt mir das Bild eines Mannes von etwa Dreißig, auf dessen Schultern ein fröhliches kleines Mädchen sitzt.
D: Und seit ich das gesehen habe, erlebe ich ein Wechselbad der Gefühle. Ich staune wieder einmal – das bin ich, dieses glückliche kleine Mädchen! Mir wird immer deutlicher, wie sehr ich meinen Papa geliebt habe! Und er mich auch. Und dann werde ich so traurig.
Th: Wann haben Sie ihn zuletzt besucht?
D: Letzten Sonntag, nach langer Zeit wieder.
Th: Ah! Das war mutig von Ihnen!
D: Ja, nicht wahr? Ich bin ganz stolz auf mich!
Th: Und wie war es?
D: Sehr schön. Er hat mich zwar nicht erkannt, hat mich mit Sie angeredet, aber es war etwas sehr Vertrautes zwischen uns. Mir ist so viel eingefallen, als wir im Park spazieren gegangen sind. Ich habe ihm erzählt, dass er Lehrer am Gymnasium war, und dass er das sehr gerne war. Er war so erstaunt darüber: was, ich? Und auch sein Staunen hat eine Verbindung zwischen uns geschaffen. Ganz spontan habe ich mich bei ihm eingehängt, und das hat sich sehr warm und vertraut angefühlt. Da hat er mich angesehen und gesagt: Irgendwoher kenne ich Sie. Sie sind ein freundlicher Mensch. Danke, dass Sie mit mir spazieren gehen.
Th: Das ist sehr berührend, Daniela.
D: Da ist etwas rund geworden. In mir, um mich herum und auch in meinem Geschichten-Teppich. Als die Clara mich auf meinen Vater angesprochen hat, habe ich mir gedacht, da muss ich jetzt viel recherchieren und Sie bitten, auch mit meinem inneren Vater ein Gespräch zu führen. Aber nach diesem Nachmittag habe ich erkannt, dass das nicht mehr nötig ist. Diese Begegnung war so versöhnlich, da ist nichts mehr offen. Beim Verabschieden habe ich ihn nicht mit Vater angeredet, sondern mit seinem Vornamen. Dass er mein Vater ist, weiß er nicht mehr, aber seinen Vornamen kennt er noch.
Th: Wie heißt er?
D: Emil. Auf Wiedersehen, Emil, habe ich gesagt. Bis bald. Und er hat gesagt: Auf Wiedersehen, junge Frau.
Th: Das ist sehr schön. Nicht alle Geschichten können und müssen erzählt werden. Manchmal genügt es, eine neue Geschichte zu erzählen.
Eine lange Reise mit vielen Geschichten haben Daniela und ich hinter uns. Und wie im U2-Song vom Anfang hat sie viel unternommen und Abenteuer und Geschichten erlebt. Und sie hat gefunden (oder wiedergefunden), was sie gesucht hat: sich selbst in ihrer Autonomie. Im Abschlussgespräch sagt sie:
D: Ich bin wieder dort: Ich bin eine starke Frau! Und ich habe mich weiterentwickelt. Ich habe Menschen um mich, meine Familie und meine Freundinnen. Ich muss nicht mehr stark sein und alles alleine schaffen. Ich darf auch schwach sein und Hilfe brauchen. Und ich wünsche mir wieder eine Liebesbeziehung. Das wird die nächste große Geschichte meines Lebens sein, und es wird jemanden geben, mit dem ich sie gemeinsam schreiben werde.
Th: Und ich bin sicher, dass Sie diesen Menschen finden werden.
D (lächelt): Es könnte sein, dass da schon wer aufgetaucht ist.
Th: Da freue ich mich sehr – für Sie und auch mit Ihnen!
D: Ich möchte Ihnen danke für sehr Vieles sagen. Für Ihre Begleitung und Unterstützung, aber vor allem für meinen Geschichten-Teppich, an dem Sie kräftig mitgewoben haben.
Th: Danke für die schöne Rückmeldung, Daniela. Und danke für Ihr Vertrauen. Leben Sie wohl und alles Gute.
Als Psychotherapeutinnen und als Berater, als Pyschotherapeuten und als Beraterinnen helfen wir unseren Klient:innen, ihr Staunen zu erleben. So weben wir mit ihnen an ihren Teppichen, in die Geschichten von Bewusstheit, Spontaneität und Intimität eingeflochten sind. Und daraus entsteht etwas, das trägt – über den Moment hinaus: Geschichten, die weiterentwickelt werden dürfen.
