48.Potenziale statt Pathologie - Positive Transaktionsanalyse als Zugang zu unbewussten Ressourcen
Vortrag für den BÖP
Linz, Juni 2026
I can see clearly now, the rain is gone
I can see all obstacles in my way
Gone are the dark clouds
that had me blind
It's gonna be a bright, bright Sun-shiny day
I think I can make it now, the pain is gone
All of the bad feelings have disappeared
Here is the rainbow I've been prayin' for
It's gonna be a bright, bright Sun-shiny day
Im April dieses Jahres habe ich für den BÖP einen Vortrag über Paarbeziehungen zwischen Echtheit und Inszenierung gehalten, in dem ich von Nina und Paul erzählt habe. Wenn Sie dabei waren, erinnern Sie sich wahrscheinlich an die schwere Beziehungkrise, die die. beiden erlebt haben und die beinahe zu einer Trennung geführt hätte. In längerer paartherapeutischer Arbeit gelingt es ihnen, das gemeinsame Staunen aneinander und an ihrer Beziehung wieder und neu zu entdecken. Sie lernen, ihre unterschiedlichen Bedürfnisse auszubalancieren: Paul hat große Sehnsucht nach Nähe, Nina braucht es, immer wieder für sich sein zu können. Sie sind einen weiten Weg gegangen und haben wieder zu Respekt und Wertschätzung gefunden.
Doch natürlich tauchen die vertrauten Konflikte um Nähe und Distanz, Bindung und Eigenständigkeit weiterhin auf. In der bisherigen therapeutischen Arbeit haben wir uns nur am Rande mit der tiefenpsychologische Frage befasst, wie die beiden zu den Menschen geworden sind, die sie heute sind. Auf dem Hintergrund welcher Lebensgeschichten, früher Beziehungserfahrungen und möglicher Traumatisierungen haben sie ihre innere Welt und äußeren Beziehungen gestaltet? Welche alten verinnerlichten Konflikte reinszenieren sie auf der Bühne ihrer Partnerschaft? Welche Übertragungsdynamiken stehen dahinter?
Das letzte Mal habe ich mit dem Satz geendet: das ist eine andere Geschichte – und sie wartet noch darauf, erzählt zu werden. Jetzt ist es so weit, und diese Geschichte beginnt mit dem Song von Jimmy Cliff, den Sie vorhin gehört haben: wir werden erleben, wie Ninas und Pauls Sicht auf sich selbst, auf einander und auf ihre Beziehung klarer werden wird. Die dunklen Wolken ihrer Lebensgeschichten und ihrer frühen Verletzungen werden sich lichten – oder genauer gesagt: die metaphorischen Wolken lichten sich ja nicht von selbst, sondern wir drei werden sie gemeinsam aufklären.
Die individuelle Lebensgeschichte mit den Beziehungen, die uns maßgeblich beeinflussen, der Lebensplan, den wir aufgrund früher kindlicher Entscheidungen gestalten – das ist unter dem Namen „Skript“ das Herzstück der Transaktionsanalyse. Oft wird es, das Skript, als etwas Pathologisches gesehen, dass überwunden und geheilt werden müsse. Wir haben da einen anderen Zugang. Wir sehen darin viele kreative und konstruktive Kräfte für eine autonome und resiliente Lebens- und Beziehungsgestaltung. Daher nennen wir unseren Ansatz „Positive Transaktionsanalyse“, basierend auf fünf Paradigmen.
Das erste Paradigma ist für uns als Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen etwas Selbstverständliches: Wir alle brauchen Beziehungen zu anderen Menschen. Als Kinder sogar existenziell. Deshalb entwickeln wir früh Wege, um mit anderen in Verbindung zu kommen und zu bleiben. Darauf baut die Positive Transaktionsanalyse auf.
Gehen wir zur bisherigen Paartherapie mit Nina und Paul zurück. Kurz zusammengefasst: die beiden sind Mitte Dreißig und seit etwas mehr als 15 Jahren ein Paar. Sie ist Volksschullehrerin und hat vor kurzem das Psychotherapeutische Propädeutikum begonnen, die allgemeine Grundausbildung für angehende Psychotherapeut:innen in Österreich. Paul ist Facharzt für Orthopädie in einem mittelgroßen Krankenhaus. Sie haben keine Kinder und planen auch keine.
Gut ein Jahr nach dem Abschluss der gemeinsamen Arbeit, die ich im erwähnten Vortrag vom April beschrieben habe, kommen sie in die Praxis mit dem Wunsch, die Therapie wieder aufzunehmen.
Paul (P): Ich habe ja lange gezögert, ob wir wieder zu Ihnen gehen sollen. Ich habe gedacht, nach dem, was wir bei Ihnen gelernt haben, müssten wir doch allein damit umgehen können.
Therapeut (Th): Umgehen womit?
Nina (N): Mit unseren alten ewig gleichen Konflikten. Nähe und Distanz, die unendliche Geschichte. Ich glaube, da stehen tiefere persönliche Themen dahinter.
P: Ja, seit du mit dem Propädeutikum begonnen hast, wird alles gleich psychotherapeutisch diagnostiziert. Die Lebensgeschichte steckt dahinter, die Kindheit und all das.
N: Ja, der Herr Mediziner. Hauptsache, man kann den Körper behandeln, Medikamente geben, operieren. Aber der Mensch hat auch eine Seele, und die entwickelt sich halt unter dem Einfluss der Kindheit.
P: Oh, die Frau Therapeutin hat gesprochen!
N: Was glaubst denn du, wo die Angst herkommt, die du hast, wenn ich abends fortgehe? Oder am Wochenende beim Seminar bin?
P: Das ist doch keine Angst. Ich mag nur nicht immer allein herumsitzen und auf dich warten.
N: Du bist ja nur neidisch, weil mir das Propädeutikum so viel Spaß macht und ich wirklich gern Psychotherapeutin werden möchte. Und du bist nur frustiert in deinem Krankenhaus.
P: Ich hab halt nicht so viel Tagesfreizeit wie eine Lehrerin! Nachtdienste, Wochenenddienste, die Station überbelegt und zu wenig Personal, eine Primaria, die mir im Nacken sitzt …
N: Kann ich da was dafür?
P: Nein, kannst du nicht. Aber es wäre halt schön, wenn ich zu Hause jemanden vorfinde, wenn ich erschöpft heimkomme. Der Verständnis für meine Belastungen hat.
N: Und es wäre schön, wenn jemand meine Freude verstehen und mit mir teilen würde! Da würde ich vielleicht lieber nach dem Seminar nach Hause fahren.
Th: Ich erlebe da zwei Menschen mit sehr ähnlichen und doch sehr unterschiedlichen Bedürfnissen. Beide wollen Sie von Ihrer Partnerin, von Ihrem Partner gesehen und verstanden werden. Beide sind Sie hungrig nach Beziehung – aber nach unterschiedlichen Formen der Beziehung. Sie, Nina, wollen Ihre Freude, Ihr nach außen Gehen, teilen. Und Sie, Paul, möchten nach innen, in die Geborgenheit und den Trost in Ihrer Anstrengung und Überlastung.
Eric Berne, der Begründer der Transaktionsanalyse, beschreibt drei elementare Formen psychischen Hungers: nach Anerkennung, nach Stimulation und nach Struktur. In den nächsten Sitzungen werden wir sehen, wie Nina und Paul auf sehr unterschiedliche Weise versuchen, diese Bedürfnisse zu erfüllen.
P: Nähe und Distanz, das haben wir ja schon herausgefunden.
Th: Haben wir, ja. Und Sie haben dabei viel Verständnis füreinander entwickelt. Jetzt stellt sich heraus, dass Ihre Themen in ihrer Unterschiedlichkeit ganz schön hartnäckig sind. Oder anders gesagt: Sie befürchten beide, in diesen Bedürfnissen nicht gesehen und nicht unterstüzt zu werden.
N: Obwohl wir doch da zu viel Nähe und Verständnis gefunden haben.
P: Wir müssen vielleicht wieder von vorne anfangen. Schade…
N: Das kann’s doch nicht sein!
Th: Meiner Erfahrung nach deuten diese wiederkehrenden Befürchtungen darauf hin, dass es hier um Erfahrungen und Enttäuschungen geht, die sehr früh in der Lebensgeschichte datieren.
P: Also doch die Kindheit.
N: Hab ich doch gesagt!
Th: Eine Frage an Sie beide: was fühlen Sie gerade?
N: Ärger. Oder nein, eigentlich Hilflosigkeit und Ratlosigkeit. Wie soll denn das weitergehen, wenn Paul – wenn du nicht unter die Oberfläche schauen willst? Wenn wir das nicht tun, wird uns das alles immer wieder einholen. Im Grund habe ich Angst. Angst, dass wir die Kurve letztlich doch nicht kriegen.
Th: Das alles – was meinen Sie damit?
N: Dass ich meine Freiheit, meine Lebenslust, meine Freude nicht leben darf, weil Paul an mir hängt wie eine Klette.
Th: Paul, was löst das, was Nina sagt, bei Ihnen aus?
P: Auch Ärger. Ich bin doch kein Klammeräffchen, nur weil ich Nina nahe sein will! Und deine Freiheit und deine Lebenslust… (Pause) Nein, Nina, das will ich dir doch nicht nehmen! Wenn das so bei dir ankommt, dann…dann…
Th: Dann? Was fühlen Sie dann?
P: Ehrlich?
Th: Natürlich.
P: Ich fange ich an, mich zu schämen. Das ist mir peinlich, dass ich so bedürftig bin. Ich bin doch kein kleiner Bub mehr!
Th: Kein kleiner Bub, der sich so nach Nähe und Liebe sehnt. Und Sie, Nina? Kein kleines Mädchen mehr, das…
N: Das immer zu Hause eingesperrt sein soll in dem ganzen Gestreite und dem Babygeschrei. Dass nicht hinaus darf zu meiner Freundin.
P (lächelt): Wenn ich so auf die Uhr sehe, haben wir nur mehr zehn Minuten. Wie ich Sie kenne, vermute ich stark, dass Sie uns jetzt wieder etwas für zu Hause mitgeben werden.
Th: Gute Idee, Paul, gerne. Wir haben da ja so etwas wie zwei Geschichten begonnen. Die eine habe ich angefangen, die von einem kleinen Buben, der sich nach Liebe und Nähe sehnt. Die andere startet mit dem kleinen Mädchen, das in die Welt hinaus will. Ich lade Sie ein, diese Geschichten weiter zu erzählen, Nina von dem Mädchen…
P: …und ich von dem Jungen, logisch.
Th: Genau. Das kann eine realitätsnahe Geschichte sein oder so wie in einem Märchen voller Symbole, wie Sie wollen. Bitte schreiben Sie Ihre Geschichte auf und bringen Sie sie zur nächsten Sitzung mit. Erst da wird Ihre Partnerin, Ihr Partner Ihre Erzählung hören. Einverstanden? (beide stimmen zu)
Mein Ansatz der Narrativen Psychotherapie beruht auf der Annahme, dass Menschen sich selbst und anderen fortlaufend Geschichten erzählen. Mit diesen Geschichten beeinflussen wir, wie wir uns selbst und andere Menschen verstehen, was wir erinnern und was wir uns erwarten. Mit manchen engen uns ein, mit anderen eröffnen wir neue Möglichkeiten. In der Therapie oder der psychologischen Behandlung suchen wir nach solchen neuen Geschichten.
Für die nächste Sitzung haben wir ausnahmsweise eine doppelte Einheit vereinbart. Je 50 Minuten sind für jede Person mit ihrer Geschichte und der Nachbesprechung reserviert. Nina beginnt.
N: Es war einmal, vor langer Zeit in einem fernen Land. Dort lebte in einem einsamen Haus tief im Wald ein Köhler mit seiner Familie, seiner Frau und zwei Kindern. Das ältere war ein Mädchen von vielleicht vier Jahren, der Junge noch ein kleiner Säugling am Arm seiner Mutter. Das Geld war knapp, und die Familie hatte wenig zu beißen. Wenn der Vater Sorgen hatte – und er hatte viele - trank er Schnaps, bis er betrunken war. Dann stritt er mit der Mutter, schrie sie an, während der Kleine verzweifelt brüllte. Das Mädchen – ihr Name war Bärbel – hatte auch Angst, aber sie schrie nicht, sondern war ganz still, damit der Vater sie nicht bemerkte. Am liebsten versteckte sie sich in einem Winkel. Sie hatte zwei große Sehnsüchte: die eine war, mit der Mutter alleine zu sein, ohne den Säugling und vor allem ohne den Vater. Früher, bevor ihr Bruder gekommen war und tagsüber, wenn der Vater arbeitete, hatten sie es sehr schön gehabt. Die Mutter hatte ihr Geschichten erzählt und Lieder vorgesungen, während sie den Haushalt führte, kochte und die Hütte ausfegte. Und die zweite Sehnsucht war hinaus in den Wald zu kommen, zu ihren Freunden, den Tieren. Mit denen hätte sie stundenlang spielen und plaudern können, aber ihr Vater verbot es ihr. Du hast da draußen nichts verloren, sagte er streng, dort ist es gefährlich, es gibt Wölfe, Bären und Räuber. Am Tag, wenn der Vater bei der Arbeit war, war das kein Problem, sie konnte stundenlang im Wald sein. Doch manchmal übersah sie die Zeit und kam zu spät nach Hause. Dann gab es manchmal Schläge, und sie musste ohne Abendessen ins Bett gehen. Da lag sie dann oft sehr lange, weinte in ihr Kissen und träumte davon, wenn sie einmal groß sein würde. Dann wäre sie frei, könnte die Welt sehen, Städte, das Meer, die Berge und würde freundliche Menschen kennenlernen.
Nina beendet ihre Geschichte und sieht uns mit einer Mischung aus freudiger Erwartung und ein wenig Unsicherheit an.
Th: Eine schöne und berührende Geschichte, Nina, danke dafür. Wie geht es Ihnen jetzt?
N: Ich bin auch berührt, von der kleinen Bärbel. Die natürlich Ähnlichkeiten mir mir hat.
Th: Paul, wie haben Sie Ninas Geschichte erlebt?
P: Schön und auch traurig. So dunkel und so eng. Ich habe immer wieder das Gefühl gehabt, ich kriege nicht genug Luft. So beklemmend war das.
Th: Dunkel, eng und beklemmend. Fast wie erstickend. Sind das vertraute Empfindungen, Nina?
N: Und wie!
Th: Beim Vorlesen waren Sie immer wieder kurzatmig und haben Pausen eingelegt.
N: Ja, das habe ich bemerkt. So eine trostlose Situation, in der die kleine Bärbel lebt.
Th: Und sie war sehr kreativ darin, sich selbst zu trösten, indem sie sich mit ihren inneren Bildern beschäftigt hat: über ihre Sehnsüchte, ihre Wunschträume und ihre Erinnerungen an die schöne Zeit mit der Mutter.
N: Ja, das früher sehr schön und sehr herzlich, mit der Mama. Bevor der Bruder gekommen ist. Je größer ich geworden bin, umso mehr habe ich davon geträumt, was alles sein wird und was ich alles tun werde, wenn ich endlich erwachsen bin.
P: Jetzt redest du ja über dich selbst und nicht mehr über das Mädchen in deinem Märchen!
N: Ja.
P: Das heißt ja dann, dass du wie die Bärbel sehr einsam geblieben bist und nur deine Fantasien gehabt hast, keine anderen Menschen.
Th: Ich würde vermuten, dass – wenn wir noch im Märchen bleiben – Bärbel nicht nur von den Tieren im Wald geträumt hat. Es könnte ja sein, dass sie sich doch heimlich hinausgeschlichen hat, als sie etwas größer war. Und dann könnte sie mit den Tieren gesprochen und gespielt haben.
N: Das stimmt! Alles ist besser geworden, als ich in die Schule gekommen bin. Vor allem bin ich an den Nachmittag oft erst spät nach Hause gekommen, weil ich bei meiner Freundin Romy gesessen bin. Das war die Nachbarstochter. Wir haben gemeinsam gelesen, richtig gefressen haben wir die Bücher. Wie wunderbar war das! Wenn die Mama allein war und der Vater noch in der Arbeit, habe ich ihr von den Abenteuern aus den Büchern erzählen können.
Th: Sie haben jetzt einen interessanten sprachlichen Unterschied gemacht. Sie haben von der Mama gesprochen und vom Vater, nicht vom Papa.
N: Habe ich das? Aber es stimmt. Ein Papa war er nie. Er hat immer nur geschimpft und gestraft. Manchmal hat es sogar Schläge gegeben.
P: Das ist ja schrecklich! Das wusste ich gar nicht.
N: Vor allem, wenn ich spät heimgekommen bin und er schon da war. (lange Pause)
Th: Wo sind Sie gerade, Nina?
N: Einige Jahre später. Ich bin ein Teenager. Sechzehn oder so. Und natürlich will ich fortgehen. Die anderen Mädels haben mich gefragt, ob ich mitkomme. Mama hat es erlaubt, Vater muss Überstunden machen. Aber komm nicht nach zehn heim, hat sie gesagt. Natürlich war es zwölf. Er hat im Wohnzimmer auf mich gewartet. Der Tisch war übersät mit Bierflaschen und Zigarettenkippen, es hat nach Rauch und Schweiß gestunken. Mir war übel.
P: Zum Kotzen!
N: Genau. Er ist aufgestanden und hat mich angebrüllt, dass die Spucke nur so durch die Gegend geflogen ist. Du miese Schlampe! Du verkommenes Luder! Er wollte näher kommen, aber er hat geschwankt, weil er so besoffen war.
Th: Wie ist es Ihnen denn da gegangen, der Sechzehnjährigen Nina?
N: Das Herz hat geklopft wie rasend. Und gleichzeitig war mir eines klar: das lass ich mir nicht mehr gefallen! Ich gebe ihm Kontra!
P: Und?
N: Ich kann es heute noch kaum glauben. Mit eiskalter Stimme habe ich gesagt: setz dich wieder hin, bevor du umkippst. Oder noch besser, geh ins Bett und schlaf deinen Rausch aus! Und (lacht) er hat nach Luft geschnappt und nur Du – Du – Du herausgebracht. Was ich ich ich? Ich werf dich hinaus! Du hast hier nichts mehr verloren!
P: Und?
N: Am nächsten Tag bin ich gegangen. Mit meinem kleinen Koffer voller Klamotten und Schminksachen. Und natürlich mein Schulrucksack. Bin mit dem Bus in Stadt gefahren wie sonst auch, aber an dem Tag war ich nicht in der Schule. Ich hab mir ein Zimmer im Lehrlingsheim gesucht. Zuerst war das ein ziemliches Hochgefühl! Aber am Abend bin ich dann heulend im Zimmer zusammengebrochen. Ich war auf einmal so einsam! (beginnt zu weinen) Ich hätte meine Mama so gebraucht, aber sie hat nicht abgehoben, als ich sie angerufen habe.
Th: So traurig und zugleich so tapfer für ein so junges Mädchen.
N: Ja. Aber als ich da so am Boden gesessen bin, ist mir ein Satz eingefallen, den ich mir schon als Kind immer wieder vorgesagt habe: eines Tages komme ich da raus! Und ich habe zu mir gesagt: Nina, heute ist dieser Tag! Du bist heraußen und du gehst nie wieder zurück! Und du wirst nie mehr einsam sein! So war es dann auch. Ich habe nie wieder ein Wort mit meinem Vater gesprochen, und ich habe ihn nie wieder gesehen. Vor ein paar Jahren ist er gestorben, hat sich zu Tode gesoffen. Ich war nicht auf seinem Begräbnis.
Th: Und wie ist es dann weiter gegangen in diesen Ihren Jungendjahren?
N: Das war dann eine ziemlich turbulente Zeit. Meine Mutter hat mir ja heimlich Geld überwiesen, und ich habe öfter abends gekellnert. Aber sonst habe ich kräftig auf die Pauke gehauen, war als Punk mit lila Haaren und Piercings in Lippe, Nase, Ohren unterwegs. Bin sogar mit einer Band als Sängerin aufgetreten. Sex and drugs and rock’n’roll! (lacht) Wir hatten so viel Spaß miteinander.
Th: Das hört sich ja an, als ob Ihre Wunschfantasien als kleines Mädchen in Erüllung gegangen sind.
N: Stimmt! So hab ich das noch gar nie gesehen. Es war ein mühsamer Weg, aber ich bin zu meiner Freiheit gekommen. Und er hat mich nicht klein gekriegt.
Nun ist Paul mit seiner Geschichte an der Reihe.
P: Sternzeit 435678, Logbuch der Enterprise, Captain Sanchez. Wir befinden uns auf einer wichtigen Mission zum Planeten Tellar. Dort liegt die Hauptuniversität der Föderation, an der die Begabtesten für bedeutende Aufgaben ausgebildet werden. Der Geheimdienst vermutet, dass unter die vielen hundert Schüler und Studierenden Spione eingeschleust wurden, um die Föderation langfristig zu unterwandern. Deshalb wurde der Elitejahrgang von vor 18 Jahren zu einer Konferenz einberufen. Einer der damaligen Absolventen war ich. Gemeinsam mit Andorianern, Tellariten, Betazoiden, Trill, Romulanern, Vulkaniern und Menschen sollten wir die Agenten aufspüren. Im zentralen Tagungsraum begrüßten wir einander herzlich. Jeder bekam eine Altersgruppe zugeteilt, die untersucht werden sollte. Mit einem Hypnoregressografen wurde wir in das jeweilige Alter zurückversetzt, ich in das eines Schulanfängers. (Pause, dann zu Nina und mir) Es ist etwas lang geworden. Ist das ok?
Th: Natürlich, Paul. Erzählen Sie weiter.
P: Also: Ich war wieder der sechsjährige Manuel in der kleinen Wohnkoje, in der ich mit einer erwachsenen Betreuerin lebte. Sie war eine Borg – ein Wesen ohne Individualität. Außerhalb des Unterrichts war ich mit dieser alterslosen, angstmachenden Erscheinung allein und fühlte mich unendlich einsam. Um mich vom Heimweh nach der Erde und meinem schönen Spanien abzulenken, verbrachte ich viel Zeit mit Studien an elektronischen Geräten. Zum Glück dauerten Unterricht und Kurse auf Tellar etwa fünfzehn Stunden täglich. Besonders interessierten mich Astrophysik, Anatomie und Biologie. Und ich fand Freunde: zwei vulkanische Mädchen, ein menschliches Mädchen und einen andorianischen Jungen. Wir wurden zu einer Art Familie. Besonders wichtig war mir unser Study Captain, ein warmherziger und kluger Betazoide, beinahe wie ein gütiger Vater. Diese Gemeinschaft half mir, die Einsamkeit jener Jahre zu überstehen.
Th: Was fühlen Sie jetzt, Paul, nachdem Sie Ihre Geschichte erzählt haben?
P: Es wäre schön gewesen, wenn ich solche Freunde gehabt hätte wie dieser Manuel. Aber ich war ja immer daheim eingesperrt.
Th: Und was fühlen Sie darüber, dass Sie so eingesperrt waren?
P: Hilflos. Verzweifelt. Wütend. Traurig.
Th: Wollen Sie mehr über die Gefühle des kleinen Paul erzählen?
P: Ja. Meine Mutter war alleinerziehend. Meinen Vater habe ich erst kennengelernt, als ich schon erwachsen war. Sie hat sich kaum für mich interessiert. Sie war Stationsgehilfin in einem Krankenhaus. Pflegeassistenz. Wollte eigentlich Krankenschwester werden, aber dann bin ich gekommen. Sie hat sich hauptsächlich für Nachtdienste einteilen lassen, weil sie da mehr verdient hat. Ist heimgekommen, wenn ich gerade beim Frühstück war. Hat teilnahmslos ins Nichts gestarrt. Als ob ich nicht da wäre.
Th: Und Sie?
P: Ich hab mich doch so gefreut, wenn sie endlich da war! Ich war so alleine in der Nacht! So viel habe ich geweint, und so große Angst gehabt, dass sie nicht wiederkommt. Aber davon hab ich nichts erzählt, ich hab ihr vorgespielt, dass ich ganz munter und fidel war. Am Nachmittag, nach der Schule, war es auch nicht viel anders. Sie ist dösend auf der Couch gehangen und hat Chips gefuttert und Cola getrunken. Völlig teilnahmslos. Aber hinaus zu den anderen Kindern im Hof durfte ich auch nicht gehen.
N: Was für eine trostlose Kindheit!
P: Ja. Wenigstens war da die Schule. Ich hatte eine Lehrerin, die sehr freundlich und menschlich zu mir war. Sie hat auch mein Interesse für Biologie und Anatomie geweckt und hat mir kindgerechte Bücher über den menschlichen Körper geliehen. Daheim war es ja immer schon trostlos, aber dann…(Pause)
Th: Aber dann?
P (sehr leise): Ich kann grad nicht weitersprechen.
N: Seine Mutter ist gestorben, als er fünfzehn war. Brustkrebs.
P: Sie war ja nie wirklich da, aber dann war sie ganz weg (weint). Alles, wovor ich mich immer gefürchtet habe, ist wirklich passiert. Jede Nacht habe ich als Kind Angst gehabt, dass sie nie mehr wiederkommt. Und dann ist sie wirklich nie mehr wiedergekommen.
N: Ach Paul, das tut mir so leid für dich.
Th: Ja, Paul. Das ist eine sehr traurige Geschichte.
P: Die ersten Monate waren furchtbar. Immer wieder habe ich gewartet, ob sie nicht doch nach Hause kommt. Vor allem morgens beim Frühstück. Sie muss doch einmal aus dem Nachtdienst kommen, habe ich mir gedacht. Sie hat sich ja nie besonders für mich interessiert, aber es war immerhin ein Mensch, der da war.
Th: Gab es denn niemand in der Familie, der sich um Sie gekümmert hat? Sie waren ja noch minderjährig.
P: Nominell ist mein Onkel zum Vormund erklärt worden, der Bruder meiner Mutter. Er hat immerhin monatlich Geld überwiesen, aber sonst hat er sich kaum jemals ansehen lassen. (schweigt lange)
Th: Was geht gerade in Ihnen vor, Paul?
P: Ich hab mir gedacht, dass ich ein Jahr lang mit keinem Menschen ein Wort über diese ganze Sache gesprochen habe.
Th: Diese ganze Sache?
P: Na, der Tod meiner Mutter.
Th: Schrecklich einsam für einen fünfzehnjährigen Burschen.
P: Ja. Schrecklich.
Th: Wie haben Sie das durchgestanden?
P: Das weiß ich auch nicht. In meiner Erinnerung verschwimmt das alles im Nebel. Ich hab sicher viel geweint. Und begonnen zu rauchen. Viel habe ich geraucht in dieser Zeit. Und bin vor dem Fernseher gesessen: Raumschiff Enterprise, Raumschiff Enterprise, Raumschiff Enterprise. Unendliche Weite. Oder ich habe mir Fantasien ausgemalt von einer Freundin, die mich verstehen und trösten würde.
N (zu mir): Mir fällt ein Satz ein, den Sie vorhin zu mir gesagt haben: so traurig und so tapfer.
Th: Ja, ich denke auch über diese erstaunlichen Parallelen in Ihren Leben nach. So viel Einsamkeit, so viel Desinteresse – und beide waren Sie in sehr frühen Jahren schon ohne Eltern.
Paul (lächelt): Eigentlich kein Wunder, dass wir beide uns gefunden haben. Aber vorher war da noch die WG-Zeit. Ein Jahr nach dem Tod meiner Mutter habe ich zwei Schulfreunde eingeladen, zu mir in die Wohnung zu ziehen. Die hatten pausenlos Zoff mit ihren Eltern. Das war wirklich eine Erleichterung, endlich wieder Menschen um mich zu haben. Klar haben wir auch gestritten, wer das Klo putzt, aber alles in allem hatten wir viel Spaß. Ich war ganz erstaunt über mich selbst, wie gut ich mit Menschen zurecht kam. Und immer noch komme. Von meiner Mutter habe ich das nicht gelernt.
N: Aber sag, wieso hast du dich denn überhaupt nicht gegen ihre Passivität gewehrt?
P: Weil sie das überhaupt nicht wahrgenommen hätte. Wenn sie so auf der Couch gehangen ist, war sie völlig in sich selbst versunken.
N: Und das Bravsein?
P: Manchmal hat sie mich kurz angelächelt, zum Beispiel, wenn ich eine neue Chipspackung gebracht und aufgerissen habe. Oder den Staubsauger geholt habe. (mit zittriger Stimme) Da ist mir dann ganz warm geworden. Ich glaube, da war ich glücklich. Und wenn sie manchmal keinen Nachtdienst behabt hat, hat sie gesagt: heute bleibe ich einmal bei dir, und wir setzen uns gemeinsam auf die Couch. Das war so schön! Ich durfte mich dann sogar bei ihr ankuscheln. Und sie hat mir vorgelesen.
Th: Was für eine kluge Lösung für einen kleinen Jungen, Paul! So haben Sie es geschafft, hin und wieder die Nähe zu bekommen, die Sie sich so gewünscht und die Sie so gebraucht haben.
N: So etwas hätte ich nie zusammengebracht.
Th: Und es wäre für Sie auch nicht hilfreich gewesen. Wie hätte Ihr Vater darauf reagiert, wenn Sie so einfühlsam wie Paul gewesen wären?
N: Er hätte mich verachtet.
Th: Genau. Und wenn Sie wütend, zornig, trotzig und rebellisch waren?
N: Im Grunde hat es ihm gefallen. Da hat er erstaunt geschaut und zuerst gar nichts gesagt. Und dann vielleicht gebrummt: na, irgendwas hat sie doch von mir (lacht).
Damit sind wir beim zweiten Paradigma der Positiven Transaktionsanalyse: Schon früh treffen wir bewusste und unbewusste Entscheidungen darüber, wie wir fühlen, denken und handeln, um in Beziehung zu kommen und in Beziehung zu bleiben.
Dabei haben die kleine Nina und der kleine Paul haben etwas getan, was wir alle tun. Aus ihrer kindlichen Wahrnehmung heraus haben sie Wege gefunden, mit ihrer Welt umzugehen. Nina durch Trotz und Rebellion, Paul durch Anpassung und Einfühlung. Für diese oft unbewussten Versuche, mit dem Leben umzugehen, gebrauchen wir in der Positiven Transaktionsanalyse den Begriff Coping. Damit sind wir beim dritten Paradigma der Positiven Transaktionsanalyse: Durch Coping finden wir auf der Grundlage früher Entscheidungen unseren Platz in der Welt und in Beziehungen.
Ich baue diese Zugänge gerne in die Metapher eines Baumes in karger Erde ein: mit all seiner Energie streckt er seine Wurzeln so weit aus, wie es ihm nur möglich ist, um das Wasser zu finden, das er zum Wachsen braucht. Mit der Findigkeit und Kreativität, die Kinder haben, entwickeln sie drei Arten von Wurzelsträngen. Einer führt zu Beziehungen, ein weiterer zu Interessen und Potenzialen, ein dritter zu den Copingreaktionen. So versuchen wir, unseren existenziellen Grundhunger nach Beziehung zu stillen. Neben der Anerkennung und Nähe, die sie beide gleichermaßen brauchen, sucht Nina vor allem Anregung und Freiheit, Paul Struktur und Verlässlichkeit.
Die Wurzeln von Nina und Paul wachsen in sehr unterschiedliche Richtungen. Beziehungen, Interessen und Copingreaktionen helfen ihnen, unter schwierigen Bedingungen zu wachsen. Dieses Bild führt uns unmittelbar zum 4. Paradigma: Unsere Wege, mit schwierigen Beziehungssituationen umzugehen, sind Ausdruck großer menschlicher Kreativität.
Dass ich heute in Ninas Rebellion und Pauls Anpassung so viel Kreativität sehe, ist nicht selbstverständlich. Vor dreißig oder vierzig Jahren hätte ich ihre Geschichte vermutlich ganz anders erzählt.
In der Transaktionsanalyse, wie ich sie in den 80er- und 90er-Jahren gelernt habe, hätten wir vor allem auf die problematischen Seiten ihrer Reaktionsweisen geschaut. Ninas Rebellion wäre als Manipulation verstanden worden, Pauls Anpassung als Aufgabe eigener Bedürfnisse.
Heute sehe ich das differenzierter. Natürlich können Rebellion und Anpassung Beziehungen erschweren. Gleichzeitig erkenne ich darin die erstaunliche Fähigkeit von Kindern, unter schwierigen Bedingungen für sich zu sorgen und mit ihrer Welt umzugehen. Deshalb interessiert mich heute nicht nur, was Menschen einschränkt, sondern auch, welche Kräfte ihnen geholfen haben zu überleben, zu wachsen und Beziehungen zu gestalten.
Mit dieser veränderten Sichtweise stehe ich nicht allein. Auch in der Geschichte der Psychologie und der Transaktionsanalyse finden sich sehr unterschiedliche Antworten auf die Frage, was das Skript eigentlich ist.
Alfred Adler, der große österreichische Psychoanalytiker, fragt:Welche schöpferischen Antworten entwickeln Menschen auf ihre Lebensbedingungen?
Eric Berne fragt ganz anders: Wie schränken Menschen sich durch ihr Skript ein und wie können sie ihre Autonomie gewinnen?
Fanita English, eine der wichtigsten Berne-Schülerinnen, meint: Welche produktiven Potenziale stecken im Skript?
Und wir in der Positiven TA verknüpfen das so: Wie können wir beides sehen – die Einschränkungen und die Potenziale?
Schauen wir, was wir drei zu diesem Thema entdecken. Einige Sitzungen nach dem Gespräch, das wir vorhin gehört haben, berichten die beiden von Überlegungen, die sie angestellt haben.
N: Uns ist klar geworden, dass wir da unsere Kindheitserfahrungen wiederholen. Darum wird Paul manchmal so verzweifelt, wenn ich fortgehe. Und ich werde dann fuchsteufelswild und komme extra spät nach Hause, wo er vorwurfsvoll wartet. Wir erleben das wieder, was ich mit meinem Vater erlebt habe und er mit seiner Mutter. Kann man da nicht irgendwie zurückgehen und etwas korrigieren? Ich meine, so die Gefühle zulassen, die wir damals nicht haben durften.
P: Also, wenn ich wütend auf meine Mutter sein könnte und Nina traurig darüber, dass ihr Vater so war wie er war. Dann könnten wir doch – jedenfalls war das Ninas Idee…
N: Ich hab das aus einer Vorlesung im Propädeutikum. Dann könnten wir doch die alten Geschichten hinter uns lassen und müssten sie nicht immer wiederholen. Sagt doch Sigmund Freud: was wir nicht erinnern wollen, müssen wir wiederholen.
Th: Stimmt, das sagt er. Ich finde Ihre Vorschläge sehr interessant. Ganz sicher geht es bei Ihnen um Gefühle, die Sie nicht haben durften. Ich habe eine Idee dazu. Was meinen Sie, wenn wir diese kleine Nina und diesen kleinen Paul zu uns herholen und mit ihnen sprechen?
N: Spannender Gedanke! Wie machen wir das?
Th: Schließen Sie bitte beide die Augen und lassen Sie, Nina, das kleine Mädchen in Ihrer Vorstellung auftauchen, das Sie einmal waren. Und Sie, Paul, machen das gleiche mit dem kleinen Buben, der Sie waren. Lassen Sie sich Zeit.
N: Ja, ich seh sie.
P: Ich ihn auch.
Th: Okay. Wie alt ist sie denn, die kleine Nina?
N: Vielleicht fünf. Geht noch nicht in die Schule.
Th: Und der Paul?
P: Auch so etwa.
Th: Gibt es etwas, dass Sie zu Ihrem kleineren Ich sagen möchten?
P: Ja, möchte ich. Grüß dich, Pauli.
Th: Magst du das, kleiner Paul, wenn man dich Pauli nennt?
P: Soll ich als er antworten? (ich nicke) Ja, das mag ich sehr, wenn die Mama das sagt. Aber das tut sie nur selten.
N: Das ist schade. Und traurig.
P: Jetzt nickt er. Und hat Tränen in den Augen.
Th: Lassen Sie uns zu den beiden Ninas schauen. Wollen Sie auch etwas zur Kleinen sagen, Nina?
N: Hallo, meine Kleine. Hübsch siehst du aus in deinem rosa Kleidchen. Jetzt nickt sie und freut sich. Schön, dass du dich freust, Nina. So viel zum Freuen gibt es ja nicht immer in deinem Leben. Soll ich als sie antworten? Nein, nicht immer, aber mit der Romy schon immer. Das ist meine beste Freundin. Gut, dass du die Romy hast, kleine Nina. Nur mit dem Papa und der Mama und dem kleinen Bruder wäre es ganz schön langweilig. Ja, da kann ich stinksauer werden, sagt sie jetzt. Das kann ich verstehen. (Pause) Aber – (zu mir) wie soll ich ihr jetzt sagen, dass sie sich das nicht ihr ganzes Leben lang behalten soll, diesen Zorn?
Th: Bleiben wir noch einen Moment bei der kleinen Nina. Dieser Zorn ist sehr wichtig für sie. So kann sie ihr Ich und ihr Selbstbewusstsein schützen.
N: Stimmt. Nina, so kannst du in deinem späteren Leben als Frau auch immer sagen, was du willst. Und das ist gut. Sie nickt.
Th: Und dass dein Papa so grob ist und deine Mama dir gar nicht hilft, das ist sehr traurig.
N: Aber wo bleibt dann ihr Selbstbewusstsein?
Th: Das kann ja bleiben. Nina, du darfst traurig sein und trotzdem sagen, was du willst.
N: Ach, komm her zu mir, meine Kleine. Ja, das ist sehr traurig. Aber jetzt bin ja ich bei dir!
Th: Das ist sehr schön, was Sie da der kleinen Nina sagen und wie Sie sie trösten.
P: Ja, das berührt mich auch sehr.
Th: Und den kleinen Paul auch?
P: Ja. Der braucht ja auch wen, der ihn tröstet.
Th: Wollen Sie das für ihn übernehmen?
P: Verlange ich da nicht wieder von ihm, dass er brav sein soll?
Th: Tun Sie das?
P: Nein. Natürlich nicht. Bravsein hat ja geheißen die Traurigkeit nicht zu zeigen. Komm her zu mir. Ich nehm dich in den Arm, mein Pauli. Dann musst du nicht mehr einsam und verlassen sein. Jetzt hast du ja mich.
Th: Und ich werde dich nie mehr allein lassen, solange wir leben.
P: Ganz genau. Nie mehr.
N: Das ist schön.
Paul und Nina haben neue und konstruktive Geschichten zu ihrer Kindheit und auch zu ihrem Erwachsensein gefunden. Wie können wir jetzt die Gestaltungskraft des kleinen und jungen Menschen von damals nützen? Das erleben wir in der nächsten Sitzung.
P: Wir hängen immer noch an dem Punkt, von dem wir beim letzten Mal gesprochen haben. Ja, es hilft uns, wenn wir uns mit unseren inneren Kindern beschäftigen. Wenn ich zu Pauli sage, dass ich bei ihm bleibe und er auch dann nicht allein ist, wenn Nina fort ist.
N: Und mir hilft es, wenn ich zur kleinen Nina sage, dass ich es nicht zulasssen werde, dass jemand ihr ihre Freiheit nimmt. Und dass Paul das ja gar nicht will.
Th: Das klingt nach einem Aber.
N: Ja. Aber meine Rebellion, mein Trotz stehen immer noch vor der Türe und könnten jederzeit hereinstürmen.
P: Interessant. Mein Bild ist nämlich, dass die Angst jederzeit unter der Türe durch den Spalt hindurchkriechen könnte. (beide lachen)
Th: Das sind sehr treffende Metaphern. Sie drücken die Energie und die Kraft aus, die in der Rebellion sitzt, und die Wachsamkeit, die feinen Antennen für die Welt, die mit der Angst einhergehen.
P: Da bin ich jetzt verblüfft. So sehen Sie das? Ich habe immer gedacht, dass meine Angst hinderlich und lebenseinschränkend ist.
Th: Natürlich kann sie diese Seite auch haben. An der entzünden sich dann Ihre Konflikte. Ich halte es für wichtig, in diesen früh erlernten Reaktionsformen weniger auf die mögliche Pathologie zu schauen, sondern auf die Potenziale, die drin stecken. Und die uns oft nicht bewusst sind.
P: Können Sie das näher erklären?
Th: Klar. Aus Ihrer Angst, dass Ihre Mutter sie verlassen könnte, sind Sie ein sehr braver Bub geworden. Psychologisch gesehen bedeutet Bravsein eine hohe Fähigkeit zum Einfühlen in andere Menschen, zur Empathie. Das sind die Antennen, von denen ich vorher gesprochen habe. Sie lächeln, Paul?
P: Ja. Mir ist gerade eingefallen, dass eine Patientin neulich bei der Visite gesagt hat: Herr Doktor, für einen Arzt sind Sie ganz schön einfühlsam! Ich habe sie gefragt, wie sie das meint. Und sie hat gesagt, vor meiner Operation haben Sie gesagt: natürlich dürfen Sie Angst haben, das ist ganz normal. Und da hab ich mir gedacht, wenn der mit meinem Knie so sorgfältig umgeht wie mit meiner Seele, dann wird schon alles gut gehen. Das ganze Visitenteam hat gelacht. Sogar die Primaria.
Th: Und sind Sie mit dem Knie sorgfältig umgegangen?
P: Na selbstverständlich. Das ist auch mein Ruf im Krankenhaus. Mir ist immer bewusst, dass ich da nicht einfach ein Gelenk ersetze, sondern etwas tue, was Folgen für das ganze künftige Leben dieses Menschen hat.
Th: Wunderbares Beispiel! Genau das meine ich. Ohne diese schmerzlichen, verzweifelten und angstvollen Erfahrungen und ihr Bravsein wären Sie nicht der verantwortungsvolle Arzt, der Sie heute sind.
P: Wow.
Damit sind wir beim fünften und letzten Paradigma der Positiven TA angelangt: In unseren Copingreaktionen steckt das Potenzial für persönliche und zwischenmenschliche Entwicklung. Pauls Beispiel braucht keine weitere Erläuterung dieses Leitgedankens. Wie sieht das bei Nina aus?
N: Find ich toll, diese Sichtweise. Bringe ich gleich im nächsten Seminar im Propädeutikum ein, kommendes Wochenende. Da geht’s um Klinische Diagnostik, also genau um Pathologie.
Th: Gute Idee. Und wie möchten Sie das einbringen?
N: Indem ich eine kritische Frage stelle. Zum Beispiel: sehen Sie in dieser klinischen Symptomatik auch persönliche Potenziale? (lacht)
Th: Könnte es sein, dass da ein klein wenig Rebellion zu hören ist?
N: Na klar, und wie! Mit dem Vortragenden kommt die gazurecht, und er nicht mit uns.
Th: Ich finde die Idee gut, einen neuen Gesichtspunkt in das Seminar einzubringen. Und auch Ihr Mut gefällt mir.
N: Meinen Kolleginnen auch.
Th: Die Frage ist, was Sie mit diesem Input erreichen wollen.
N: Eine spannende Diskussion?
P: Oder du willst dich als die Rebellin profilieren, die du schon in deiner Punkgruppe warst.
N: Hm. Nicht ganz daneben, was du da vermutest. (Pause) Den Referenten provozieren würde zwar Spaß machen, aber viel herauskommen würde da wohl nicht. Und er ist ja schließlich nicht mein Vater, und ich bin die große Nina, nicht die kleine. Andere Idee: ich könnte ihn vorher kontaktieren, telefonisch oder per Mail und ihm vorschlagen, einen kurzen Input mit einer ergänzenden Idee zur Diagnostik einzubringen. Oder noch besser: ich biete ihm einen Videocall vorher an, da kann ihm diese Gedanken erklären, und er kann sich auf die Diskussion vorbereiten.
Th: Das ist eine großartige Idee, Nina. Mit ihrer kindlichen Rebellion haben Sie sich über die Jahre viel Selbstvertrauen aufgebaut. Und das aktivieren Sie jetzt konstruktiv und bereichernd. Ich kann mir vorstellen, dass Sie in ein paar Jahre zu einer kraftvollen Psychotherapeutin werden.
N: Oh, danke!
Die Geschichte von Ninas und Pauls Paartherapie ist fast zu Ende.
Kommen wir noch einmal zu ihrer praktischen Umsetzung in der Arbeit mit unserem Paar zurück. Die Paartherapie ist fast zu Ende. Paul hat die Geschichte der kleinen Nina kennengelernt, Nina die des kleinen Paul. Hinter den Konflikten, Enttäuschungen und Missverständnissen sind sie den Kindern begegnet, die sie einmal waren. Was bedeutet das für ihre Beziehung heute? Die Frage stelle ich ihnen in der nächsten Sitzung. Wie meistens antwortet Nina als erste.
N: Da gibt es zwei Aspekte. Was bedeutet es für mich, dem kleinen Paul so nah gekommen zu sein – und was bedeutet es für mich, dass Paul der kleinen Nina so nah gekommen ist.
Th: Stimmt. Mit welchem Aspekt wollen wir beginnen?
P: Zuerst wie das war, Ninas frühe Geschichte mitzuerleben.
N: Ja, schauen wir uns das zuerst an. Magst du anfangen?
P: Gern. Manches habe ich ja schon gewusst. Dass dein Vater kein angenehmer Mensch war, weiß ich. Aber dass man einem kleinen Kind die Lebendigkeit so versauen kann, das finde ich unmöglich. Da könnte ich richtig wütend werden. Wie wir da so auf der Couch gesessen sind und Nina mit dem kleinen Mädchen in ihr so liebevoll gesprochen hat, habe ich mir gedacht, ja, ich hab dich auch lieb, kleine Nina. Und ich bin auch bei dir und werde auf dich aufpassen, dass du ein richtig erfülltes und lustiges Leben hast.
N: Oh, Paul, das ist so schön. Danke. (sie nimmt kurz seine Hand)
Th: Und was bedeutet das für die Beziehung zu Ihrer Frau heute?
P: Dass ich nicht nur verstehe, dass sie (wendet sich an Nina) – dass du deine Freiheit brauchst. Mehr noch: ich wünsche dir und auch mir so sehr, dass du dein Selbstvertrauen und deinen Lebensmut noch weiter entwickelst, und ich werde dich dabei unterstützen.
N: Ich hab dich lieb, Paul. Ich glaube, wie es mir damit geht, dass Paul meiner kleinen Nina so nah kommt, brauch ich nicht mehr zu erzählen. Ich bin so berührt.
Th: Ihre Augen werden feucht, Nina. Wollen Sie es Paul sehen lassen?
N (dreht sich zu ihm). Ja. Es ist gleichzeitig so schön und so traurig, dass ich das als kleines Mädchen nie erleben durfte (weint).
Th: Ja. Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Traurigkeit.
P: Ich hab einmal wo gelesen, es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit. Kann man das nachholen, was einem gefehlt hat?
Th: Ja, den Spruch kenne ich auch. Und nein, wir können nichts nachholen, weil wir die Zeit nicht zurückdrehen können. Wenn die Kindheit unglücklich war, dann ist es zu spät für eine glückliche. Dann können wir nur mehr loslassen. Aber es ist nie zu spät für ein glückliches Erwachsenenleben.
N: Ja, das macht Sinn. Ich möchte jetzt erzählen, wie es mir mit dem kleinen Paul gegangen ist.
P: Ja, das möchte ich gerne hören.
N: Mir hat einfach das Herz wehgetan. Ich konnte ihn mir richtig vorstellen, wie er da sitzt, der kleine einsame Bub in seinem Pyjama und auf seine Mama wartet, die einfach nicht kommt.
P (weint): Ach Nina.
N: Und am liebsten hätte ich das zu dieser Mutter gesagt: lass ihn doch nicht so viel allein, siehst du nicht, wie lieb er dich hat? Und dann ist mir eingefallen, dass sie ihn ja endgültig verlassen hat.
Th: Paul, wie geht es Ihnen denn gerade?
P (weint): Ich bin so traurig. Ja, sie hat mich endgültig verlassen vor zwanzig Jahren. Aber ganz zum Schluss, wie sie schon überhaupt keine Kraft mehr gehabt hat, hat sie meine Hand genommen und hat mich angeschaut und hat gesagt: mein Bub.
Th: Wie traurig und wie tröstlich.
N: Ich möchte dir gerne was sagen, Paul.
P: Ja?
N (sieht ihn an und streckt beide Hände hin): Mein Mann.
P (nimmt ihre Hände): Ach Nina. Ich hab dich lieb. Und es tut so gut, wenn du den kleinen Paul in mir auch lieb hast.
N: Ja, das hab ich. Und ich kann verstehen, dass es manchmal schwer für dich ist, wenn ich unterwegs bin. Vielleicht magst du ja auch das eine oder andere Mal mitkommen, wenn ich meine Freunde aus dem Propädeutikum treffe. Und wenn es spät wird, schreibe ich dir gerne eine Nachricht.
Th: Was für eine berührende Sitzung. Ich danke Ihnen für die Offenheit, mit der Sie einander begegnen.
N: Wir danken Ihnen.
In der letzten Stunde stellt Nina zum Abschied noch eine persönliche Frage:
N: Wenn Sie nicht wollen, müssen Sie auch nicht antworten. Wie geht es Ihnen denn, wenn Sie immer wieder so viel Leid miterleben müssen? So viele Kinder, mit denen grausam, lieblos, gewalttätig und missbräuchlich umgegangen worden ist?
Th: Doch, ich antworte Ihnen gerne. Ja, es ist viel an kindlichem Leid, das mir über die Jahrzehnte anvertraut worden ist. Mir geht es unterschiedlich. Berührt bin ich immer, manchmal auch sehr. Gleichzeitig bin ich zuversichtlich, dass die Menschen das loslassen und in ein gutes Leben weitergehen können. Und immer wieder bin ich traurig und ein Stück weit hilflos, weil ich nichts ungeschehen machen kann. Ein amerikanischer Kollege, den Namen weiß ich nicht mehr, hat das einmal so formuliert: wir Psychotherapeut:innen und Psycholog:innen sitzen am unteren Ende eines Flusses und fischen Menschen aus dem Wasser, die man am Oberlauf hineingeworfe hat. Schön und gut, aber warum geht denn niemand dorthin und sagt: hört endlich auf damit, die Kinder reinzuwerfen!
N: Wie gut, dass Sie so ein begabter Fischer sind!
Th: Danke. Und doch habe ich in all den Jahren etwas gelernt: Neben dem Leid gibt es auch die erstaunliche Kraft von Kindern und Erwachsenen, zu heilen, zu wachsen und ihren eigenen Weg zu finden. Ich denke, das ist die Botschaft, die ich Ihnen heute mitgeben möchte: Menschen sind mehr als das, was ihnen widerfahren ist.
