Resilienz: Die Psychodynamik der Widerstandsfähigkeit

13.05.2020

Der vierte Corona-Blog

Der Lockdown wird allmählich gelockert, in Stücken kehren wir zu etwas zurück, das so ähnlich scheint wie das Leben vorher. Aber die angebliche „neue Normalität“ ist nicht normal und wird auch nicht normal werden. Es ist nicht normal im Sinne des üblichen zwischenmenschlichen Kontakt- und Beziehungsbedürfnisses, dass wir Abstand halten müssen, unser Gesicht zu großen Teilen verhüllen, uns nicht die Hände geben und uns nicht umarmen dürfen. Das alles (oder das meiste davon) ist durchaus vernünftig und sinnhaft, aber es ist nicht normal und wir sollten und werden uns nicht daran „gewöhnen“. Es fehlt uns Vieles, und das tut weh, ist traurig, wir haben Angst, sind wütend, und das alles darf auch so sein.
Wenn Sie jetzt zu uns in die Praxis kommen, ist auch einiges nicht mehr so, wie es vor Corona war. Wir werden Sie bitten, im Stiegenhaus zu warten, bis wir Sie hereinlassen, damit in unserem Wartebereich kein Stau entsteht. Dann werden wir Sie ersuchen, sich die Hände zu waschen. In meinem Therapieraum stehen die Stühle für PatientInnen weiter weg von meinem als sonst, damit zwischen uns der berümte Babyelefant Platz hat. Das alles ist umständlich und ungewohnt – und es ist nach sechs Wochen der Online-Therapien sehr erleichternd und wohltuend, wieder Menschen aus Fleisch und Blut gegenüberzusitzen.
Allmählich werden die Wunden deutlich, die diese Zeit uns mit den Ängsten, der Wut, der Hilflosigkeit und Ohnmacht, der Traurigkeit, der Einsamkeit, dem Eingesperrtsein, den zwischenmenschlichen Konflikten zugefügt hat. Wie in den Medien berichtet wird erlebe auch ich eine wachsende Zahl von Therapieanfragen von Menschen mit Schlafstörungen, Depressionen, Ängsten, psychosomatischen Beschwerden und eskalierenden Beziehungskonflikten.
Ein Kauderwelsch von psychologischen Fachbegriffen ist täglich in Zeitungen, im Fernsehen und Radio, in sozialen Medien zu lesen und zu hören. Unter anderem werden diese Symptome als „posttraumatische Belastungsstörungen“ bezeichnet. Das sind sie nicht, denn die traumatische Situation der Angst und der Ungewissheit ist ja (noch) nicht vorbei. Wir können jetzt bereits gegensteuern und Beiträge dazu leisten, dass nicht nach der Corona-Pandemie eine Pandemie an posttraumatischen Belastungsstörungen mit Flashbacks, Alpträumen, emotionaler Stumpfheit, Teilnahmslosigkeit, sozialem Desinteresse, starker Angst und Suizidimpulsen auftritt.
Wir – damit meine ich nicht nur uns Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen, sondern auch Menschen in anderen helfenden Berufen, Pädagoginnen und Pädagogen, Eltern und auch jede und jeden Einzelnen von uns.
Der Begriff, der täglich dazu auftaucht, ist „Resilienz“. Er leitet sich von dem lateinischen Wort „resilire“ ab, das so viel bedeutet wie ‚abprallen’ oder ‚zurückspringen’ und kommt ursprünglich aus der Physik. Am zutreffendsten lässt sich Resilienz mit Widerstandskraft übersetzen. Sie ist die Fähigkeit des Menschen, mit schwierigen und schwierigsten Situationen konstruktiv umzugehen und daraus zu lernen. Am treffendste wird die Bedeutung von Resilienz im Titel eines der wichtigsten Sammelbände dazu erfasst: „Gedeihen trotz widriger Umstände“. (Welter-Enderlin/ Hildenbrand 2008).
Mit dem Konzept der Resilienz beschäftige ich mich seit mehr als 20 Jahren. Gemeinsam mit Henning Schulze haben wir als Resultat unserer Forschungsarbeit insgesamt 18 Faktoren der Resilienz herausgearbeitet und dazu einen ausführlichen Fragebogen, das Resilienz Inventory, erarbeitet (veröffentlicht u.a. in unseren Büchern „Positive Führung“ und „Die Kunst der starken Führung“). Diese Faktoren sind: Intuition, Problemidentifikation, Verstehen/Verständnis, Abgrenzen, Loslassen, Kommunikation, Konfliktfähigkeit, Beziehungskompetenz, emotionale Kompetenz, Stresskompetenz, Problemlösung, Kreativität, Veränderungsbereitschaft, Persönliche Ethik, Ziele und Visionen, Ausdauer und Flexibilität. Im Resilienzprofil lassen sich die persönlichen Werte zu diesem Items bestimmen und von da ausgehend Schritte zur Entwicklung und Vergrößerung der Resilienz definieren.
Dadurch kann Resilienz hinsichtlich des Verhaltens und der Haltungen und Einstellungen quantifiziert werden. Im Zuge der letzten Wochen hat mich dazu die Überlegung beschäftigt, was denn die Qualität der Resilienz ausmacht, also welche Psychodynamik dahintersteht. Was sind die inneren Quellen unserer Resilienz, wie können wir sie freilegen, wo sie verschüttet oder eingeschränkt sind? Wie können wir unsere Persönlichkeit so weiterentwickeln, dass wir diese Potenziale nutzen und uns vor seelischer Erkrankung schützen können?

Wenn wir diese Quellen nutzbar machen können, wenn wir anderen Menschen – unseren Partnerinnen und Partnern, unseren Kindern und Enkelkindern, unseren Freunden und Freundinnen - helfen, sie für sich zu entdecken, dann haben wir gute Chancen, gesund durch die Krise und aus ihr herauszukommen. In der nächsten Zeit werde ich in unregelmäßigen Abständen hier auf der Homepage Gedanken zu diesen Quellen der Resilienz entwickeln und auch von meinen persönlichen Erfahrungen in meinem Resilienz-Blog erzählen. Wenn Sie Lust und Interesse haben, schauen Sie wieder vorbei!
Herzliche Grüße
Ihr Klaus Sejkora